28 Dr. Aloys Fischer.
Sie können jedes Gebiet des Seelenlebens hernehmen — Sie erlassen
mir den Nachweis im einzelnen —, die Pubertät ist durch dies Selbsterwachen
auf allen Gebieten des seelischen Lebens gekennzeichnet.
Wie alles Neue, wird natürlich auch der Drang nach Selbständigkeit
und das eigene Selbst zunächst maßlos überschätzt. Das ist ganz selbstverständlich,
das ist ein psychologisches Verhängnis. Wir können als
Erzieher darauf aufmerksam machen, und Sie können überzeugt
sein, daß der Jugendliche in seinen besten Stunden unter nichts
mehr leidet als darunter, daß er sein eigenes Selbst zu überschätzen
sich genötigt sieht, daß er aus diesem Zwange zum Selbst nicht herauskommt,
daß er gar nicht so verehren, dienen, sich unterwerfen kann,
wie er gern möchte, daß er den Menschen, das Vorbild, die Einrichtung,
an der er innerlich mit glühender Liebe hängt, auch nun
äußerlich nicht so anerkennen darf. Das verbietet ihm eben, ich
möchte sagen, die psychologische Notwendigkeit seines Alters, immer
das Selbst so zu übertreiben, wie es in den Pubertätsjahren geschieht,
nur damit überhaupt das Selbst nicht untergeht. Fassen
wir dieses psychische Leben des Jugendlichen ins Auge, seine ganze
Sprödigkeit, das Tumultuarische, Gegensätzliche und Feindliche,
können wir verstehen, daß für den Jüngling einzig der Pindarische
Imperativ: werde, der du bist! das innerlich erlebte Gebot
ist. Gegenüber einem solchen seelischen Zustande mit Zwang zu
operieren, das ist ein von vornherein aussichtsloses Beginnen.
Ich habe Ihnen geschildert, wie der Zwang in der Jugendpflege
aussehen könnte, in welchen einzelnen Maßnahmen er sich verkörpert,
welche Technik der Pflege er nach sich zieht, welche geistige
Atmosphäre er um den Jugendlichen herum schafft, wie er auf den
Jugendlichen im Durchschnitte wirken würde, der eben ganz auf dem
Wege ist, er selber zu werden, und dabei alle Üübertreibungen des
neuentdeckten Selbst begeht. Daß der Zwang schließlich nicht die
Atmosphäre der Jugendlichen sein kann, dafür lassen Sie mich endlich
noch auf eine Tatsache hinweisen oder ein paar Tatsachen benennen,
wenn auch nicht mehr ausführlich belegen.
Die Jugendpflege ist ja gerade deshalb notwendig geworden,
weil die Zwangspädagogik einer falschen Autoritätsführung
Fiasko erlitten hat. Deshalb haben wir ja das Problem der Jugendlichen
als pädagogisches Problem bekommen, weil nicht einmal mehr
diejenigen Erzieher, die noch durch die Einigung des Blutes mit dem
Jugendlichen verbunden sind, mit ihnen solidarisch sind, die Eltern
in der Lage waren, ihren Erziehungsaufgaben gerecht zu werden,
und sie waren nicht mehr in der Lage, dieser Aufgabe gerecht zu
werden, weil auch in der Elternschaft vielfach eine falsche Autoritätsführung,
ein Zwangserziehungssystem auf die Jugendlichen angewandt
wurde, das versagt hat. Und an dem, was wir als sogenannte
Jugendbewegung in den Jahren vor dem Kriege erlebt haben, sei
es bedauernd und mit Kopfschütteln, sei es zustimmend und als ein
Symptom der inneren Gesundheit unserer Jugend, an dieser
Jugendbewegung, die als freideutsche ebenso gut wie als proletarische