Contents : Lesebuch für Landwirtschaftliche Winterschulen und ähnliche Anstalten im Königreich Bayern.

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57.  Die  wichtigsten  nicht  deutschen  Völker  Europas.

Die  hervorragendsten  europäischen  Völker  sind  teils  romanischer
teils  germanischer  Abstammung.  Die  romanischen  Völker  haben  ibre
Blütezeit  hinter  sich,  die  germanischen  befinden  sich  in  derselben  oder
erwarten  sie  noch.

1.  Ein  Volk  romanischen  Stammes,  das  in  der  Geschichte  einst
eine  Hauptrolle  gespielt  hat,  später  aber  vom  Schauplatz  derselben
mehr  und  mehr  verdrängt  wurde,  sind  die  Italiener.  Welche  Erinnerungen
  knüpfen  sich  an  Italien,  welche  Schätze  birgt  es  noch
heute!  Noch  heute  zieht  es  Tausende  mit  unwiderstehlichem  Zuge  in
das  „Land,  wo  die  Zitronen  blüh'n“,  mit  seinen  Myrten,  Zitronen  und
Orangen;  noch  heute  sind  seine  Museen  und  Kunstsammlungen  ein
Anziehungspunkt  für  Künstler  und  Kunstfreunde.  Roms  Macht  ist
zweimal  dahingesunken;  aber  wenn  der  Reisende  die  Kuppel  der
Peterskirche  am  Himmel  auftauchen  sieht,  da  klopft  sein  Herz  höher
und  sein  Fufß  betritt  nicht  ohne  eine  gewisse  Erregung  die  Räume
der  heiligen  Stadt.  —  Das  Ideal  des  Italieners  ist  das  süfte  Nichtstun;
darum  ist  der  Handel  der  Italiener  von  geringer  Bedeutung,  die  gewerbliche
  Tätigkeit  der  Größe  und  dem  Reichtume  des  Landes  nicht
entsprechend.  Auch  die  Volksbildung  steht  auf  niedrigerer  Stufe  als
in  den  meisten  anderen  europäischen  Ländern.  Die  Regierung  hat
noch  jetzt  mit  der  Unterdrückung  des  Räuberunwesens  zu  tun.  Aufeerst
zudringliche  Bettler  belästigen  den  Reisenden  und  hundert  Hände
strecken  sich  bei  jeder  Gelegenheit  nach  einem  Trinkgeld  aus.  Im
nördlichen  Italien  findet  man  mehr  Arbeitsamkeit;  von  hier  aus  gehen.
viele  Einwohner  in  andere  Länder,  um  als  Eisenbahnarbeiter,  Maurer,
Gipsfigurenhändler  oder  Zuckerbäcker  so  viel  zu  verdienen,  daßfß  sie
sich  später  in  der  Heimat  ansiedeln  können.  Der  ltaliener  hat  eine
schöne  Gestalt,  meist  dunkle  Augen  und  dunkles  Haar,  ein  leidenschaftliches
  Gemüt,  große  Zungenfertigkeit  und  eine  schöne  klangreiche
  Sprache.

2.  Das  stolzeste  Volk  der  romanischen  Rasse  sind  die  Spanier.
Seinen  Stolz  trägt  der  Spanier  schon  im  Aufeern  zur  Schau;  er  bückt
sich  nicht  gern  und  arbeitet  nur,  wenn  er  muß.  Sein  Vaterland,  das
in  seinen  südlichen  Teilen  die  köstlichsten  Weine  und  Süqfrüchte
hervorbringt,  stellt  auch  keine  großen  Anforderungen  an  seine  Arbeitskraft;
  es  bringt  ihm  fast  von  selbst  hervor,  was  er  braucht.  Und
der  Spanier  braucht  wenig,  da  Mäßigkeit,  besonders  im  Essen  und
Trinken,  zu  seinen  Haupttugenden  gehört.  Betrunkene  sind  eine
große  Seltenheit.  Die  Männer  tragen  fast  das  ganze  Jahr  hindurch
einen  Mantel,  der  alle  Einffüsse  des  Klimas  abhält;  er  ist,  je  nachdem
er  fester  oder  nachlässiger  umgeschlagen  ist,  das  Thermometer  der
Witterung.  Die  spanischen  Frauen  und  Mädchen,  die  höchst  malerische
Kostüme  tragen,  sind  wegen  ihrer  Schönheit  berühmt;  mit  unnachahmlicher
  Anmut  tanzen  sie  die  Tarantella  oder  schlingen  sie  den