Metadata : Sächsisches Realienbuch enthaltend Geschichte, Erdkunde, Naturgeschichte, Physik, Chemie und Mineralogie.

ll  —  24  —

Streifen  von  der  Grenze  Hollands  bis  zur  Elbmündung.  An  den  Mündungsgebieten
  der  Ems,  Weser  und  Elbe  liegen  die  Flußmarschen,  an  der  Meeresküste
  die  Seemarschen.  Die  Marschen  sind  da  entstanden,  wo  das  Wasser  die
Sinkstoffe,  die  es  mit  sich  führte,  absetzen  mußte.  Wenn  die  Flut  in  die  Mündung
  der  Ströme  eindringt,  so  hemmt  sie  die  Bewegung  des  Flußwassers,  so  daß
dieses  seine  Sinkstoffe  fallen  läßt.  Sobald  der  so  abgesetzte,  schlickartige  Boden
so  hoch  ist,  daß  ihn  die  gewöhnliche  Flut  nicht  mehr  erreicht,  schützt  man  ihn
durch  einen  Damm  oder  Deich  gegen  die  Flut.  Die  eingedeichten  Stücke  werden
Polder  oder  Köge  genannt.  —  Die  Meeresmarschen  sind  vom  Meere  hinter  dem
jetzt  in  Inseln  zerstückelten  ehemaligen  Dünenzuge  aufgeschlickt  worden.

Hohe  und  breite  Dämme  (Deiche)  schützen  das  niedrig  gelegene  Marschland
gegen  die  Flut  (Abb.  S.  3).  Die  von  der  höher  gelegenen  Geest  kommenden  Bächlein
  und  Flüsse,  sowie  die  Regen=  und  Schneemassen  würden  im  Lauf  der  Jahre
das  niedrige  Marschland  in  ein  ödes  Sumpfgebiet  verwandeln,  wenn  man  nicht  in
die  Deiche  Durchlässe  „die  Schleusen"  gebrochen  hätte.  Mächtige  (10  m  hohe)h,
aus  Eichenbohlen  bestehende  Torflügel,  die  sich  durch  den  Druck  der  hinter  ihnen
angesammelten  Wassermengen  zur  Zeit  der  Ebbe  nach  dem  Meere  öffnen  und
von  der  kommenden  Flut  von  selbst  geschlossen  werden,  bilden  den  Verschluß.

Der  dicke,  fette  Schlammboden  der  Marsch  ist  von  einer  schier  unerschöpflichen
  Fruchtbarkeit.  Roggen  und  Weizen  bringt  sechzigfältige  Frucht.  Die
saftstrotzenden  Weiden,  durch  Gräben  abgetrennt,  begünstigen  die  Viehzucht.  Auf
den  Emsmarschen  Ostfrieslands  weiden  über  100000  schwere  bunte  Kühe;  hier
und  namentlich  auf  den  oldenburgischen  und  Elbmarschen  tummeln  sich  feurige,
vielbegehrte  Pferde.  Die  fruchtbaren  Elbmarschen,  besonders  das  Alte  Land,
sind  das  nördlichste  Obstland  Europas.

Die  durch  den  Kampf  mit  dem  Meer  an  Ausdauer  und  Geduld,  an  ein
Handeln  ohne  viel  Worte  gewöhnten  Marschbewohner  erfreuen  sich  eines  gediegenen
Wohlstandes.  Die  stattlichen  Wohnungen  liegen  auf  den  Meermarschen  am  Rande
der  Geest,  in  den  Flußmarschen  auf  kleinen  Erhöhungen,  den  Wurten.

Auf  der  größten  aller  Wurten  erhebt  sich  am  Endpunkt  des  Dortmund-Ems-Kanals
und  des  Ems-Jade-Kanals  das  Handel  und  Schiffahrt  treibende  Smclen  (24  T.),  südlich
davon  liegt  Leer.  An  einer  Verengerung  des  Jadebusens,  rings  von  Oldenburger  Gebiet
umschlossen,  ist  in  der  Nähe  des  2.  Kriegshafens  der  deutschen  Flotte  die  Stadt  Uilbelms--baven
  entstanden.  Zu  beiden  Seiten  des  Weserstroms  liegt  die  freie  Reichsstadt  Bremen
(246  T.),  nächst  Hamburg  die  größte  Seehandelsstadt  Deutschlands.  Früher  konnten  die
größeren  Seeschiffe  nur  bis  zu  dem  Vorhafen  Bremerhaven,  der  mit  Geestemünde  gleichsam
  einen  einzigen  Hafen  bildet,  gelangen.  Seitdem  aber  das  Fahrwasser  der  Weser
vertieft  worden  ist,  nimmt  der  Schiffsverkehr  von  Jahr  zu  Jahr  bedeutend  zu.  Für
Tabak  ist  Bremen  der  erste  Handelsplatz  der  Erde.  Daneben  werden  aber  auch  große
Mengen  von  Petroleum  und  Baumwolle  aus  Amerika  eingeführt.  —  Vor  dem  prächtigen
Rathause  in  Bremen  erblickt  man  eine  große  steinerne  Rolandsäule.  In  den  Räumen  des
berühmten  Ratskellers  lagert  in  der  „Rose“,  einer  Abteilung  des  Kellers,  der  älteste
Rheinwein,  den  man  hat.  Das  älteste  Faß  stammt  von  1624.

2.  Beicle  (Geest)  und  MDoore.  An  den  fruchtbaren  Marschstreifen  der  Küste
und  Flußmündungen  lehnen  sich  öde  Heide=  und  sumpfige  Moorgegenden.
Die  Sandflächen  der  Heide  bedeckt  auf  weite  Strecken  das  genügsame  Heidekraut,
der  düstere  Wacholder,  das  Gestrüpp  der  Stechpalmen  und  nach  der  Elbe  zu
der  gelbblühende  Ginster.  Hin  und  wieder  findet  man  in  der  Geest  auch  frucht-