Iweideutigkeit der österreichischen Holitik in der Neuenburger Sache. 193
Vielleicht ist die plötzlich angebotene Betätigung warmer Spmpatbien für unsere
Sache um go leichter, als die Aachrichten über die Bereitwilligkeit der Schweiz zu Kon-
sessionen und über friedliche Aussichten täglich an Bestimmtheit gewinnen. Osterreich er-
hält, wie ich durch Graf Rechberg weiß, fortlaufend genaue Aachricht über alles, was im
Schoße der Schweizer Bebörden, namentlich des Ausschusses der Bundesversammlung,
vorgebt, und die Verbandlungen der letzteren sollen eine Mißbilligung der bisherigen
Haltung des Bundesrates von seiten des Ausschusses siemlich sicher absehen lassen. Wenn
aber aus dieser Konstellation ein teilweises, für uns nicht vollständig befriedigendes Aa#c##-
geben der Schweiz bervorginge und es dann darauf ankäme, auch uns Konzessionen zuzu-
muten, so würde Österreich offenbar mehr befähigt sein, auf uns zu drücken, wenn es seiner
Stellung zu der ganzen Sache schließlich einen preußenfreundlichen Mantel umgehängt hat,
als wenn es in unmittelbarem Anschluß an seine Sirkulare vom 23. v. M. bei uns die
Nolle eines zum Nachgeben ratenden Sreundes übernehmen sollte. Diejenigen meiner Kol-
legen, mit welchen ich bei der Kürze der Seit über die Sache habe reden können, baben
ebenfalls Keinen anderen Eindruck davon, als den vorstehend dargelegten. Freiherr von
Marschall sagt mir, daß seine Regierung und, soviel er wisse, auch Württemberg und
Bayern, schon auf eigene Hand polizeilich die Ausfuhr von Kriegsbedürfnissen über die
Schweizer Grenze bindere; Osterreich könnte also einfach dasfselbe tun, wenn es ihm nur
um die praktische Wirkung, nicht um eine Schaustellung seiner bundesfreundlichen SGe-
linnungen zu tun wäre. Graf Nechberg will schon in der nächsten Sitzung, am 8. c., die
Sache in Berhandlung nehmen, und meint letztere so zu beschleunigen, daß schon om 10. c.
der Beschluß gefaßt werden könne. Man erklärt diese Cile mehr aus der Beforgnis, daß
inzwischen offizielle friedliche Machrichten eintreffen könnten, als aus der, daß die Schweiz
noch starke Zufuhren schnell über die Grenze bringen werde. Nach biesigen Nachrichten
ist eine Stagnation in den noch vor acht Tagen lebbaft betriebenen Ankäufen für die
Schweiz eingetreten. Auf meine desfallsige Besorgnis erklärte mir Graf Aechberg, daß
jede prinzipielle Diskufsion über die verschiedenen Auffassungen des Streites mit der
Schweiz überhaupt von den Verhandlungen ausgeschlossen bleiben solle. Segen andere hat
er geäußert, daß er für Sachsen in dieser Besiehung nicht gutsagen könne und un-
erwünschte Crörterungen fürchte.
Nach meinem unvorgr. Urteil ist demnach der fragliche Antrag für uns jedenfalls ein
wertloser, vielleicht ein insidiöser, und ich möchte g. anbeimstellen, daß wir demselben nicht
durch unsere Beteiligung bei der Antragstellung ein falsches Relief geben, und daß E. E.
mich gen. autorisieren, wenigstens mit Rücksicht auf den geringen praktischen Effekt, der
zu gewärtigen ist, kein Empressement für die Beschlußnahme an den Tag zu legen, auch
etwa bei der Erörterung anerkennend bervorjuheben, daß die süddeutschen Regierungen
schon aus eigenem Antriebe in der Aichtung des Antrages wirksam gewesen lind.
Einer geneigten und wo möglich telegraphischen Bescheidung sebe ich g. entgegen.
218. Bericht an Minister v. Manteuffel.
[Ausfertigung.)
8. Jonuar 1857.
In der soeben beendigten Sitzung der Bundesversammlung babe ich die diesseitige, in
betreff der Aeuenburger Angelegenbeit unter dem 28. v. M. an die K. Sesandtschaften
bei den Grohmächten gerichtete Depesche mit der von E. E. genehmigten Erklärung vor-
m. 1