60 Fricke: Der Oberlehrerstand, seine geschichtliche Entwicklung und heutige Lage.
Technischen Hochschule bis zu drei Halbjahren, und für Neuphilologen auch
das Studium auf einer ausländischen Hochschule bis zu zwei Halbjahren angerechnet
werden kann.
Auch hier wird eine allgemeine Prüfung von der Fachprüfung unterschieden.
Erstere erstreckt sich auf Religion, Philosophie, Pädagogik und
deutsche Literatur; letztere führt fünfzehn Prüfungsgegenstände auf, wobei die
dem Kandidaten zustehende Wahl dadurch beschränkt ist, daß sich unter seinen
Fächern eine der folgenden Verbindungen finden muß:
Lateinisch und Griechisch, Reine Mathematik und Physik,
Französisch und Englisch, Chemie nebst Mineralogie und Physik
Geschichte und Erdkunde, oder statt der letzteren
Religion und Hebräisch, Botanik und Zoologie.
Deutsch kann an Stelle jedes in den drei ersten Verbindungen genannten Prüfungsgegenstandes
sowie auch statt Hebräisch in der vierten Verbindung, angewandte
Mathematik nur im Anschlusse an reine Mathematik gewählt werden.
In der Abstufung der Lehrbefähigung gilt die erste Stufe für alle Klassen
bis Oberprima einschließlich, die zweite für die unteren und mittleren Klassen
bis einschließlich Untersekunda. Außer der mündlichen Prüfung werden zwei
schriftliche Hausarbeiten verlangt, jedoch kann eine von dem Kandidaten vorgelegte
Druckschrift, insbesondere die Doktordissertation, als Ersatz für eine
der beiden schriftlichen Arbeiten angenommen werden. Bemerkenswert ist noch
die Forderung praktischer Fertigkeiten, der Handhabung physikalischer Instrumente,
der Übung im chemischen Arbeiten, in der Benutzung erdkupdlicher
Anschauungsmittel, Entwerfen von Kartenskizzen, im geometrischen Zeichnen,
in der bildlichen Darstellung von Tier- und Pflanzenformen, für den Nachweis
der Lehrbefähigung in dem entsprechenden Fache.
Die Differenzierung der Unterrichtsfächer, die hier immer weitere Fortschritte
macht, ist eine Erscheinung, die zwar bei dem Stande der Wissenschaft
unvermeidlich, aber in ihren Folgen nicht ganz unbedenklich ist. F. Paulsen
erwähnt in seinem Buche über die deutschen Universitäten (S. 219) einen Ausspruch
Kants, wie er von „Zyklopen der Wissenschaft“ redet, die ein unermeßliches
Gewicht von Gelehrsamkeit trügen, aber nur ein Auge hätten, nämlich
das ihrer Spezialwissenschaft, das philosophische Auge fehlt ihnen; er
‚scheint sie besonders häufig unter den Philologen gefunden zu haben. Wenn
sich die Darstellung nach dem Zusammenhange auch zunächst auf Universitätsprofessoren
bezieht, so fehlt es doch auch unter den Lehrern an höheren
Schulen nicht an solchen, die über dem beständigen Sehen auf das Einzelne
und Kleine den weiten Blick auf das Ganze und Große eingebüßt haben.
Mit Recht sucht die Prüfungsordnung dieser Gefahr dadurch zu begegnen,
daß sie in der allgemeinen Prüfung die Philosophie betont; es bliebe nur
zu wünschen, daß die Kandidaten mehr wie bisher diesem Gegenstande ihr
Interesse nicht nur äußerlich zuwendeten. Wenn ferner in anerkennenswerter
Weise der Einseitigkeit in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung
durch die Forderung von Kenntnissen in der deutschen Literatur entgegen-