Full text : Leopold von Ranke's sämmtliche Werke. 27. und 28. Band. Zwölf Bücher Preußischer Geschichte. Fünftes bis neuntes Buch. (27)

Chemnitz  und  Pufendorf.  595

de  ratione  status  in  imperio  Komano-Germanico“,  ein  Buch,  das  sich  den
Ideen,  auf  die  das  Kaiserthum  unter  Ferdinand  II  noch  seine  Ansprüche  zu
gründen  suchte,  als  sei  es  eine  directe  Fortsetzung  des  altrömischen,  mit  entscheidendem
  Erfolg  entgegensetzte.

Aber  von  noch  größerem  Werthe  und  noch  heute  eine  der  vornehmsten
Quellen  unserer  Kunde  ist  sein  historisches  Werk  über  den  schwedischen  Krieg
in  Deutschland.  Chemnitz  wurde  Historiograph  von  Schweden,  und  als  solcher
beauftragt,  die  Geschichte  des  von  Gustav  Adolf  in  Deutschland  unternommenen
Krieges  zu  schreiben.  Nicht  übel  sagt  er:  wenn  einst  Achill  von  Alexander
dem  Großen  glücklich  gepriesen  worden  sei,  daß  er  einen  Homer  gefunden,  so
müsse  er  umgekehrt  sich  glücklich  preisen,  daß  er  seine  Kräste  einem  Helden
widmen  dürfe,  dessen  Trefflichkeit  seinen  bisher  unbekannten  Namen  in  alle
Welt  tragen  werde;  er  gebe  seinem  Helden  nicht  Unsterblichkeit,  sondern  emvlang-
  sie  vielmehr  von  ihm.

Was  ihn  vor  den  übrigen  Geschichtschreibern  der  Zeit  auszeichnete,  war
die  Benutzung  des  schwedischen  Archivs.  Er  schöpfte,  wie  er  sagt,  aus  dem
lauteren  Brunnen,  nicht  aus  den  trüben  Lachen  der  gemeinen  Scribenten.  Er
betont,  daß  er  seine  Nachrichten  über  die  gepflogenen  Unterhandlungen  aus
den  ächten  Urkunden  darüber,  und  seine  Erzählungen  der  Ereignisse  aus  den
Relationen  solcher,  die  bei  den  Sachen  gewesen,  entnehme;  niemals  weiche  er
ohne  guten  Grund  von  Anderen  ab.

So  hatten  einst  italienische  Geschichtsschreiber,  wie  Adriani,  aus  dem  florentinischen
  Archiv  geschöpft,  die  venetianischen  Staatshistoriographen  aus  dem
venetianischen;  Thuanus  hatte  mannichfaltig  authentische  Kunde  gehabt.  Neu
war  es,  daß  ein  großes,  welthistorisches  Ereigniß  aus  den  eigensten  Papieren
derjenigen,  durch  die  es  vollzogen  worden,  erläutert  wurde.  Dahin  ging  der
ursprüngliche  Auftrag,  der  ihm  im  Jahre  1643  ertheilt  worden  ist,  „historiam
belli  Germanici  zu  compiliren“  und  dieselbe  glaubwürdig  abzufassen.  Zu  Anfang
  des  nächsten  Jahres  ist  ihm  dann  das  schwedische  Archiv  im  weitesten  Umfang
  für  ältere  und  neuere  Geschichte  geöffnet  worden.  Schon  1648  erschien
der  erste  Theil  des  Werkes  in  Stettin;  der  zweite  ist  1653  in  Stockholm
herausgekommen;  er  umfaßt  die  ganze  Verwaltung  Oxenstierna's  bis  zu  seiner
Abreise  aus  Deutschland,  von  1632—  36.  Man  hat  früher  wohl  behauptet,
das  Buch  sei  ein  Werk  Oxenstierna's  selbst,  und  ohne  Einfluß  darauf  ist  derselbe
  nicht  gewesen.  Chemnitz  sagt  in  der  Dedication,  daß  er  des  Reichskanzlers
beim  deutschen  Krieg  gehaltene  Consilien  aus  dessen  eigenen  Schreiben  und
Relationen,  zum  Theil  auch  aus  dessen  mündlicher  Insormation  kennen  gelernt
  habe.  Der  Reichskanzler  war  der  große  Gönner  und  Förderer  des
Historiographen.  Das  Gut  Hallstad,  das  er  auf  eigene  Kosten  von  der  Krone
eingelöst  hatte,  überlieh  er  an  Chemnitz,  der  daselbst  1678  gestorben  ist.

Aus  Oxenstierna's  Popieren  ist  Einiges  auch  anderweit  bekannt  geworden
(3.  B.  in  Geijers  Schwedischer  Geschichte  Bd.  3);  unter  anderm  ein  Bericht
vom  Jannar  1633  Über  den  damaligen  Aufenthalt  des  Reichskanzlers  in
Dresden.  Was  Geijer  daraus  miltheilt,  hat  einige  allgemeine  Bemerkungen
mehr,  als  der  Auszug  bei  Chemnitz;  von  dem  Gang  der  Unterhandlung  aber
könnte  man  sich  aus  Geijers  Auszug  keinen  Begriff  bilden.  Chemnitz,  mit  dem
Geijer  meist  wörtlich  übereinstimmt,  ist  doch  bei  weitem  unterrichtender.