Full text : Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

März  1.

170  1611  74.

man  jetzt  gute  Nachbarschaft  hat;  wenn  aber  diesem  Lande  eine  Gefahr
drohen  würde,  so  sehen  wir  doch  nicht,  wie  man  sich  der  bairischen
Hilfe  ohne  besondere  Bedenken  bedienen  könnte;  denn  man
weiss,  wie  Baiern  gegen  diese  Lande  gesinnt  ist  und  wie  ihm
die  Herrschaften  Kufstein,  Kitzbüchel  und  Rattenberg  in  die  Augen
stechen,  so  dass  wir  mit  der  bairischen  Hilfe  uns  nur  selbst  den
Feind  ins  Land  ziehen  möchten.  —  Berechnet  man  ferner,  was  man
gleich  anfangs  und  dann  alle  Jahre  der  Liga  zu  kontribuieren  hätte,
so  wird  man  finden,  dass  mit  demselben,  ja  mit  geringerem  Geld  sich
Tirol  selbst  schützen  kaun,  wogegen  es,  da  die  Liga  sich  gar
weit  und  den  Rhein  hinab  erstreckt,  diesem  Land  sehr  beschwerlich
wäre,  die  weit  Entlegenen  schützen  zu  müssen,  von  denen  es  selbst
keine  Hilfe  zu  erwarten  hat.  —  Die  schwäbischen  und  arlbergschen
Herrschaften  sind  zwar  offenes  Land  und  den  Ligisten  benachbart;
aber  es  würde  die  Liga  sich  ihrer,  da  sie  nur  wenig  beitragen
können,  wenig  zu  getrösten  haben;  die  vorderösterreichischen  Lande
endlich  werden  Jahre  lang  zu  schaffen  haben,  um  sich  des  [vom
elsässischen  Kriegsvolks  zugefügten]  Schadens,  da  sich  allein  die  aufgenommenen
  Gelder  auf  800  000  Gulden  erstrecken,  zu  erholen,  so  dass  sie
nicht  noch  darüber  zur  Liga  beitragen  können.  U.E.  wäre  am  besten,  die
grossen  und  kleinen  Schirmvereine  in  den  Vorlanden  wieder  zu  beleben.

Man  muss  sich  auch  wundern,  weshalb  sich  der  Erzbischof  von
Salzburg  und  der  Bischof  von  Eichstätt  nicht  in  die  Liga  begeben,
da  sie  doch  Baiern  so  sehr  benachbart  sind;  gewiss  werden  sie  dazu
ihre  erheblichen  Ursachen  haben.

Daher  ist  unser  Gutachten:  E.  D.‘  mögen  mit  Ihrem  Entschluss
wogen  des  Eintritts  in  die  Liga  noch  temporisieren,  aber  diese  Sache
alsbald  an  den  Kaiser  gelangen  lassen  und  Bescheid  einholen,  wie
Sie  sich  verhalten  sollen;  ebenso  wäre,  da  die  Landschaft  das
beste  dabei  tun  müsste,  die  Sache  auf  künftigem  Landtag  zu
proponieren  und  von  der  tirolischen  Landschaft  ein  Gutachten  zu
begehren,  desgleichen  von  der  vorderösterreichischen  Regierung  und
Kammer.!  Inzwischen  wäre  der  Diskurrent  mit  einem  „guten  Brieflein“
hinzuhalten.  Datum  Ynsprugg  1.  martii  a.  1611.

Wh.  Reichsakten  in  genere,  Bd.  59a;  Or.

!  In  demselben  Band  liegt  auch  das  Gutachten  der  vorderösterreichischen
Regierung  und  Kammer  zu  Ensisheim,  vom  14.  April  datiert  —  Die  Regierung
hatte  sich  zunächst  die  Bundesnotel  ausgebeten.  Auch  nach  deren  Kenntnis
findet  sie  für  unratsam,  dass  sich  die  vorderösterreichischen  Lande  in  die  Liga
begeben;  denn  diese  Lande  sind  offen,  haben  Nachbarn  verschiedener  Religion,
haben  sich  stets  neutral  verhalten  und  haben  vordem  auch  gewisse  Vereine
aufgerichtet,  wobei  sie  sich  sicher  befunden  haben.  Die  Stände  der  Lande
meinen,  dass,  wenn  diese  Vereine  im  Vorjahr  noch  bestanden  hätten,  so
wären  ihnen  nicht  solche  Lasten  auferlegt  worden.  Entäusserung  des
nachbarlichen  Verständnisses,  besonders  mit  den  Protestanten,  durch  den  Eintritt
  in  die  Liga  würde  nur  die  Lande  gefährden.  Auch  würden  die  Stände
nicht  einwilligen;  denn  die  Praelaten  haben  ihre  besten  Gefälle  im  württembergischen
  oder  badischen  Gebiet  und  würden  deren  Einziehung  besorgen,  wie