Volltext : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Rumänien  —  Rupprecht

Händen.  Der  Finanzminister  Costinescu  legte  als
Anhänger  der  Entente  dem  blühenden  Ausfuhrhandel
nach  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn  die  größten
Schwierigkeiten  in  den  Weg.  insbes.  durch  Begünstigung
  einer  riesigen  Waggonspekulation,  die  den  Eisenbahnverkehr
  zeitweise  nahezu  lahmlegte,  und  durch
sehr  hohe  Ausfuhrzölle  auf  Lebensmittel.  Erst  der
am  11.  Dez.  abgeschlossene  Ausfuhrvertrag  zwischen
der  rumän.  Zentralverkaufskommission  und  den  Zentralgetreidestellen
  der  Mittelmächte  gabd  die  gekauften
Mengen  und  weitere  500000  t  zur?  uofuhrhrei  Die
Entscheidung  Italiens  für  die  Entente  im  Mai  1915
brachte  das  ganze  Land  in  starke  Erregung.  Der  am
2.  Juli  erfolgte  erneute  Beschluß  des  Ministerrats,  bei
der  Neutralität  zu  verharren,  zersprengte  die  konservative
  Partei:  die  Gruppe  Carp  trat  für  Anschluß
an  die  Mittelmächte,  die  Gruppe  Marghiloman  für
Neutralität,  die  Gruppe  Filipescu  für  Krieg  an  der
Seite  der  Entente  ein.  Bratianu  lehnte  die  kategorische
  Forderung  der  Entente,  den  Russen  freien
Durchmarsch  nach  Serbien  zu  gewähren,  ab;  aber
die  „  Unionistische  Föderatione  forderte  24.  Okt.  den
Kriegseintritt  an  der  Seite  der  Entente.  Als  Filipescu
und  Jonescu  sogar  mit  offener  Revolte  drohten,  gründete
  sich  am  27.  Nov.  unter  Marghiloman  eine  -Liga
zur  Ergänzung  R.s«,  die  den  Krieg  gegen  Rußland
zwecks  Rückgewinnung  Bessarabiens  forderte.  Dieselben
  Ziele  verfolgte  die  am  9.  Dez.  unter  Majorescu
gegründete  =  Liga  der  nationalen  Einheite.

m  ersten  Halbjahr  1916  behielt  die  Lage  den
gleichen  Charakter  zunehmender  Spannung.  Die  Entente
  machte  durch  riesenhafte  Scheinkäufe  die  Lieferung
  der  mit  den  Mittelmächten  vereinbarten  Ausfuhrmengen
  zum  Teil  unmöglich,  und  der  Waggonschwindel
  sleigerte  sich  zu  blühendster  Korruption.
Zugleich  konzentrierte  R.  seine  Truppen  an  den  bulgar.
und  ungar.  Grenzen.  Eine  Besserung  in  den  Beziengen

  R.s  zu  den  Mittelmächten  erzielte  aber  das
bheepne  mit  Deutschland  vom  7.  April
1916,  das  beiderseitige  Ausfuhrerlaubnis  brachte  und
eincn  besonderen  deutsch-rumänischen  Eisenbahndienst
Caruen  .Züge)  einrichtete.  Gleichzeitig  wurde  eine

nigung  mit  Bulgarien  über  die  Transttgüler  erzielt.
Bald  aber  trieb  R.  ein  Doppelspiel;  während  Bratianu
  noch  am  27.  Aug.  dem  österr.=  ungar.  Botschafter
  Grafen  Czernin  erklärte,  er  könne,  wolle  und
werde  die  Neutralität  aufrechterhalten  und  sich  der
König  tags  zuvor  ähnlich  ausgedrückt  hatte,  hatte  R.
bereits  am  15.  Aug.  sich  Rußland  gegenüber  verpflichtet,
  den  Krieg  bis  zum  28.  zu  erklären.  Der
König  berief  für  den  27.  Aug.  (Sornteg)  einen
Kronrat  ein,  der  unter  dem  Eindruck  der  Drohung
Rußlands  mit  dem  Einmarsch  den  Krieg  beschloß.  In
der  am  27.  abends  erfolgten  Kriegserklärung  wurde
die  durch  die  Umschwenkung  Italiens  veränderte
Lage  als  wesentlichster  Kriegsgrund  angegeben.  Am
1.  Sept.  übernahm  General  Avarescu  (bis  22.  Dez.,
Nachf.  General  Presan)  die  Leitung  des  Generalstabs,
der  König  selbst  den  Oberbefehl.  Der  unglückliche  Verlauf
  des  Feldzuges  (s.  Bd.  II.  S.  221  ff.)  zwang  bereits
am  29.  Nov.  zur  Verlegung  des  Regierungssitzes  nach
Jassy,  während  die  Nittemiächte  am  1.  Dez.  eine
Militärverwaltung  der  besetzten  Gebiete  R.3  in  Bukarest
  errichteten.  In  Jassy  wurde  am  24.  Dez.  vom
König  das  Parlament  eröffnet;  zwei  Tage  darauf
bildete  sich  das  Kabinett  Bratianu  durch  Zuwahl
mehrerer  Mitglieder  der  Opposition  um.

Die  Ernennung  des  Königs  zum  Befehlshaber  der

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russisch-rumän.  Streitkräfte  (28.  Jan.  1917)  konnte
nicht  über  die  völlige  Abhänpigeeit  R.s  von  Rußland
  hinwegtäuschen.  Trotz  aller  Bemlihungen,  den
Krieg  fortzuführen,  waren  die  Rumänen  ohne  Rußland
  dazu  einfach  nicht  in  der  Lage  —  sie  mußten
mit  diesem  zusammen  Frieden  schließen.  Die  russischen
  Unruhen  brandeten  bedrohlich  ins  Land  —  am
13.  Mai  fanden  erstmalig  große  Kundgebungen  für
die  Republik  in  Jassy  stait.  So  beriet  die  Kammer
eiligst  die  lange  geplante  Verfassungsreform,  die  sich
auf  Wahl-  und  Agrarreform  erstreckte,  und  nahm  am
7.  Juli  das  Gesetz  an,  das  das  allgemeine  Slimmrecht,
  die  Enteignung  großer  Landgüter  und  die  Verteilung
  von  Land  an  Bauern  einführte.  —  Die
Staatsschuld  war  1913—  17  von  1½  auf  10  Milliarden,
  die  volle  Höhe  des  Nationalvermögens,  gestiegen;
  das  Heer  hatte  bis  Ende  1916  an  Toten,  Verwundeten
  und  Vermißten  290000  Mann  verloren,
Seuchen  räumten  unter  seinen  Resten  ebenso  auf  wie
unter  der  Zivilbevölkerung  und  den  unglücklichen
Kriegsgefangenen.  Jetzt  griff  auch  noch  Demoralisation,
  Fahnenflucht  und  offene  Meuterei  von  der  ruff.
Front  her  auf  die  rumän.  über.  Der  von  Rußland
abhängige  Nachschub  versagte,  die  Verbindung  mit
den  Verbündeten  war  zerrissen,  die  trotz  Versprechun-*
  Wilsons  und  Lloyd  Georges  keine  Hilfe  bringen
onnten.  Als  die  Truppen  von  sich  aus  am  4.  Dez.
1917  zum  Abschluß  von  Waffenstillständen  schritten,
mußte  sich  die  Regierung  fügen:  am  9.  Dez.  wurde
der  Waffenstillstandsvertrag  mit  den  Heeresleitungen
  der  Vierbundmächte  in  Fokschani  unterzeichnet
  (s.  S.  140).

Nachdem  am  19.  März  1918  Marghiloman
zum  Ministerpräsidenten  ernannt  worden  war,  wurden
  am  26.  früh  4  Uhr  die  wichtigsten  Bestimmungen
des  Friedensinstruments  paraphiert,  am  7.  der  ganze
Vertrag  unterzeichnet  (über  den  Inhalt  s.  S.  110).
Nach  Friedensschluß  wurden  die  Reformen  wieder
aufgenommen:  am  3.  Aug.  ein  Judengesetz  angenommen,
  am  30.  Aug,  der  Großgrundbesitz  zur  Verpachtung
  von  10—95  Proz.  seines  Bodens  an  Bauern
geiebüich  gezwungen.  —  Nachdem  am  10.  Nov.  General

oanda  das  Ministerpräsidium  übernommen  hatte,
erklärte  N.  erneut  Deutschland  den  Krieg  und  besetzte
die  strittigen  Gebiete  Ungarns.  Die  nach  dem  Zusammenbruch
  der  Räteregierung  in  Ungarn  eintretende
  Lage  nahm  R.  wahr,  bis  Budapest  zu  marschieren
  und  trotz  Einspruch  der  eigenen  Bundesgenossen
die  Hauptstadt  zu  besetzen.  R.  zwan  Ungarn  einen

arten  Waffenstillstand  auf  und  weigerte  sich  lange
7“  davon  abzugehen,  auch  als  die  Entente  ihm  die

ufuhren  sperrte.  Die  Ungarn  im  Januar  1920  von
der  Ententein  Paris  auferlegten  Friedensbedingungen
ignorierten  jedoch  die  rumänischen  Ansprüche.

Vgl.  O.  v.  Dungern,  Rumänien  (Gotha  1916);
N.  Jorga,  Histoire  des  réelations  entre  la  France
et  les  Roumains  (Par.  1918);  Ders.  im  4.  Bande  von
„  Helmolts  Weltgeschichte=  (2.  Aufl.,  Leipz.  1919);
K.  Mann,  Kriegswirtschaft  in  R.  (Bukar.  1918).

Rupprecht,  Kronprinz  von  Bayern,  ältester
Sohn  König  Ludwigs  III.,  geb.  18.  Mai  1869  in
München,  unternahm  1899  eine  Indien-,  1902—03
eine  Weltreise,  über  die  er  „Reiseerinnerungen  aus
Ostasien=  (Münch.  1905)  schrieb,  wurde  1906  Kommandeur
  des  1.  bayrischen  Armeekorps.  Seit  5.  Nov.
1913  Kronprinz,  1913  Generaloberst  und  Inspekteur
der  4.  Armeeinspektion,  siegte  R.  als  Oberbefehlshaber
der  bayrischen  Truppen  (6.  Armee)  am  20-—22.