Full text : Der Krieg gegen Frankreich und die Einigung Deutschlands.

Dritter  Abschnitt.
Die  Ursache  des  Krieges.

lötzlich  und  unerwartet  bricht  manchmal  auf  See  der  Sturm  herein

und  verwandelt  jäh  dahinrasend  die  Wellen  in  kochenden  Gischt.  Wehe
dem  Schiffer,  der  sich  überraschen  läßt!  So  tobte  im  Juli  1870  auf  einmal
  die  Kriegsfurie  los,  aber  das  deutsche  Schiff  hatte  wachsame  Steuerleute,
  und  ihr  heller  Ruf:  „Alle  Mann  auf  Deck!“  vereinte  sofort  die  getreuen
Gefährten.

In  den  letzten  Jahren  hatte  sich  Europa  kaum  jemals  so  allgemeiner
Ruhe  erfreut,  wie  zu  Anfang  des  Julimonates.  Der  Ministerpräsident  Ollivier
erklärte  in  der  französischen  Kammer  —  und  er  meinte  es  ehrlich  —:  die
Erhaltung  des  Friedens  sei  nie  gesicherter  gewesen  als  jetzt,  es  schwebe  kein
Zwischenfall.  König  Wilhelm  weilte  in  Ems  zur  Brunnenkur,  Bismarck,
Moltke,  Roon  und  andere  Minister  genossen  ihren  Sommerurlaub.  Da
kamen  plötzlich  Sturmvögel  aus  Paris.

Im  September  1868  war  die  spanische  Königin  Isabella  durch  eine
Revolution  vertrieben,  und  darauf  eine  Regentschaft  unter  den  Marschällen
Serrano  und  Prim  eingesetzt  worden.  Beide  wünschten  die  Wiederherstellung  des  Königtums,
  doch  es  fiel  ihnen  sehr  schwer,  einen  geeigneten  Herrscher  aufzufinden.  Unter
anderen  faßten  sie  den  Erbprinzen  Leopold  von  Hohenzollern=  Sigmaringen  ins  Auge,
weil  er  katholischer  Religion  und  außer  mit  der  preußischen  auch  mit  der  französischen
*  und  mit  anderen  Herrscherfamilien  nahe  verwandt  war.  Nach  mehrmaligen  Ablehnungen
sagte  der  Prinz  endlich  Ende  Juni  1870  zu.

7  Minister  des  Auswärtigen  in  Frankreich  war  der  Herzog  von  Gramont,  ein  sehr
selbstbewußter  Mann,  obgleich  ihm  die  wichtigsten  Eigenschaften  eines  Diplomaten,  überlegung  und  Urteil  über
die  Tragweite  seiner  Handlungen,  durchaus  fehlten.  Die  hohengollernsche  Kandidatur  erschien  ihm  sofort  als  ein
preußisches  Ränkespiel,  das  zugleich  der  Machtstellung  Frankreichs  höchst  gefährlich  sei.

Gramonts  feine  Witterung  einer  argen  preußischen  Tücke  ging  freilich  in  die  Irre.  König  Wilhelm  war
wohl  durch  die  Hausverträge  Familienhaupt,  aber  nicht  berechtigt,  hohenzollernschen  Prinzen,  die  zu  ihm  nicht
in  so  engem  Verhältnis  wie  die  preußischen  standen,  in  allen  Angelegenheiten  Vorschriften  zu  machen.  Er  betrachtete
  demnach  die  spanische  Aussicht  lediglich  als  Familiensache.  Als  sie  wiederholt  zur  Erwägung  kam,  sprach
er  sich  gegen  das  Unternehmen  aus,  ohne  die  Willensfreiheit  des  Prinzen  beschränken  zu  wollen.  Bismarck,  den
der  König  wie  andere  seiner  Vertrauten  persönlich,  nicht  amtlich  befragte,  urteilte  günstiger,  weil  Preußen
vielleicht  wirtschaftliche  Vorteile  ziehen  konnte;  daß  die  Sache  zum  Kriege  mit  Frankreich  führen  würde,  ließ  sich  damals
  nicht  voraussehen.  Als  Prinz  Leopold  endlich  auf  das  erneute,  unmittelbare  Angebot  der  spanischen  Regierung
einging,  holte  er  vorher  nicht  des  Königs  Meinung  ein,  sondern  berichtete  nur  seinen  Entschluß  mit  der  Bitte  um
Einverständnis.  König  Wilhelm  war  darüber  wenig  erfreut,  doch  fühlte  er  sich  auch  jetzt  nicht  zum  Widerspruch