Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

verstärken  und  rechnet  auf  die  Mitwirkung  Frankreichs.  Beyens  sieht
in  den  deutschen  Flottenverstärkungen  den  Hauptgrund  dieser  unfreund
lichen  Haltung  Englands.  Aber  er  beschuldigt  doch  auch  Frankreich
mit  großer  Deutlichkeit,  den  Frieden  Europas  zu  gefährden.  „Die
Deutschen...  gebennichtzu,daßdiefortgesetzte
Vermehrung  ihrer  Flottenstreitkräfte  die  erste
Ursache  für  die  Verteidigungsmaßregeln  und
KampfvorbereitungenEnglandsist.  WennFrankreich
  seine  marokkanischen  Gelüste  auf  dem
Gewissen  hat,  deren  Verwirklichung  den  Frieden
Furopas  bedroht  hat  und  noch  bedroht,  so  hat
auch  Deutschland,  indem  es  zur  See  mit  England
wetteifern  wollte,  daran  gearbeitet,  einen  Zusammenstoß
  unabwendbar  zu  machen!)  Darin  liegt
die  ganze  Erklärung  für  Churchills  Rede,  aber  gerade  das  will  man  in
Berlin  nicht  anerkennen.“

Den  gleichen  Standpunkt  macht  sich  auch  Graf  Lalaing  in  London
zu  eigen,  wenn  er  am  3.  August  1912?)  die  unbedingte  Notwendigkeit
für  England  hervorhebt,  seine  Oberherrschaft  zur  See  aufrechtzuerhalten.
Verliere  es  diese,  so  sei  es  um  seine  Macht  und  sein  Ansehen  für  immer
geschehen.  Er  beruft  sich  auf  Haldanes  Wort:  ‚Wir  hängen  von  unserer
Seebeherrschung  ab  und  wir  wollen  sie  aufrechterhalten,‘  und  fügt  hinzu:
„Das  ist  der  Angelpunkt  der  englischen  Politik,  und  das  scheint  man  in
Berlin  nicht  zu  begreifen‘.  ‚Die  englischen  Seerüstungen  bedrohen  niemanden‘,
  fügt  er  unter  nachdrücklicher  Betonung  seines  persönlichen
Standpunktes  hinzu.  In  der  soeben  abgeschlossenen  russischfranzösischen
  Marinekonvention  sieht  er  eine  wesentliche
  Entlastung  für  England  und  eine  Antwort  auf  die  Monarchenbegegnung
  von  Baltischport.  Der  Zweibund  scheint  ihm  dadurch  neu
gefestigt.

In  ähnlichem  Sinne  war  Poincare  im  August  des  Jahres  tätig,  als  er
in  seiner  Eigenschaft  als  französischer  Ministerpräsident  in  Petersburg
persönlich  für  Verstärkung  der  Rüstungen  eintrat.  Der  Zweck  seiner
Reise  wurde  anfangs  sorgfältig  geheimgehalten?);  ein  fast  zwei  Jahre
später  erstatteter  Pariser  Bericht  —  vom  24.  Juni  1914  —  aber  läßt
darüber  keinen  Zweifel).  Der  Zweibund  schloß  sich  fester.

In  die  Dämmerzustände  der  politischen,  auf  dem  europäischen  Kontinent
  lastenden  Unklarheiten  leuchtete  wie  ein  greller  Blitz  am  letzten
September  1912  die  Nachricht,  daß  Bulgarien  seine  Armee  mobil  gemacht
habe,  ein  Beispiel,,  dem  Serbien,  Griechenland  und  Montenegro  tags
darauf  folgten®).  Der  Balkankrieg  begann.  Noch  Ende  August
hatte  der  belgische  Gesandte  zu  Paris  an  die  Fortdauer  des  Friedens  auf

ı)  Vom  Verfasser  hervorgehoben.

®)  Bd.  IV,  S.  74  ff.

®)  Paris,  28.  und  29.  August  1912,  Bd.  IV,  S.  82/83.
4)  Bd.  IV,  S.  205/206.

5)  Brüssel,  3.  Oktober  1912,  Bd.  IV,  S.  81/82.

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