Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Bange  Sorgen  um  die  Zukunft  des  Reichs  391

Konsolidation  habe  ich  meine  ganze  politische  Tätigkeit
  vom  ersten  Augenblick,  wo  sie  begann,  untergeordnet,
  und  wenn  Sie  mir  einen  einzigen  Moment
zeigen,  wo  ich  nicht  nach  dieser  Richtung  der  Magnetnadel
  gesteuert  habe,  so  können  Sie  mir  vielleicht
nachweisen,  daß  ich  geirrt  habe,  aber  nicht  nachweisen,
daß  ich  das  nationale  Ziel  einen  Augenblick  aus  den
Augen  verloren  habe.“

Dieses  nationale  Ziel  war  ihm  die  finanzielle  Selbständigkeit
  und  die  Zahlungsfähigkeit  des  Reiches.  Ihr  galt  seine
Wirtschaftspolitik,  die  mit  seiner  geldbedürftigen  Sozialpolitik
in  innigster  Verbindung  stand.  Diese  Bestrebungen  bilden
eines  der  schönsten  Blätter  in  seinem  Ruhmeskranze.

Unter  diesen  großen  wirtschaftlichen  Fragen  stand  die  Eisenbahnfrage
  nicht  an  letzter  Stelle.  63  verschiedene  Eisenbahnverwaltungen
  arbeiteten  mit  1357  verschiedenen  Tarifen  drauf
los,  damit  die  Besitzer  dieser  Privatbahnen  einträgliche  Einnahmequellen
  besaßen.  Dem  Wirrwarr  mußte  ein  Ende  gemacht
werden.  Am  1.  März  1873  nahm  Bismarck  in  einer  Denkschrift
  Stellung  gegen  die  Privatbahnen  und  für  die  Einrichtung
einer  Reichsbehörde.  Am  17.  Mai  1873  brachte  der  schwäbische
Abgeordnete  Elben  im  Reichstage  den  Antrag  ein  auf  Gründung
eines  Reichseisenbahnamtes.  Bismarck  erklärte,  diese  Forderung
laste  wie  ein  im  Schuldbuch  offenstehender  Posten  auf  dem
Reichskanzler,  der  den  Anstoß  zu  geben  haben  würde.  Er  begrüßte
  den  Antrag,  wie  man  langersehnte  Hilfstruppen  begrüßt,
und  er  erklärte  sich  fest  entschlossen,  sein  schwer  belastetes
kanzlerisches  Gewissen  durch  Ausführung  des  Antrages  zu  erleichtern.
  Bis  jetzt  fehle  dem  Reiche  die  Berechtigung  zur
Exekutive;  er  bat  den  Reichstag  dringend  im  Interesse  der
Würde  des  Reiches  und  seiner  Verfassung,  die  Reichsgewalt
nicht  in  der  bisherigen  Ohnmacht  und  Machtlosigkeit  verharren
zu  lassen.  Im  Jahre  1874  wurde  das  Reichseisenbahnamt  als
ständige  Aufsichtsbehörde  geschaffen.  Aber  schon  der  Versuch,  durch
ein  Reichseisenbahngesetz  die  allgemein  gehaltenen  Bestimmungen
der  Verfassung  auszugestalten  und  dem  Reichseisenbahnamt  eine