Full text : Blätter für Rechtsanwendung. VII. Band (7)

8  Von  der  Wissenschaftlichkeit  der  Rechtspflege.

Juristen  nicht  vorhanden.  —  Mit  dem  von  der
Wissenschaft  geschärften  und  beseelten  Auge  erkennt
er  in  vorgetragnen  Thatgeschichten  leicht  und  schnell
die  das  Wesen  der  Sache  enthaltenden  Momente,
und  den  Punkt,  worauf  es  bei  der  Beurtheilun
ankömmt;  mitten  durch  alle  Verwicklungen  greig
er  diesen  heraus,  hat  sich  nun  über  die  rechtliche
Natur  des  Verhältnisses  nicht  lange  zu  besinnen,
und  bald  bei  jedem  Streitpunkte  den  einen
Grund  7)  gefunden,  welcher  die  richtige  Entscheidung
  motivirt.  Bedenken  und  Zweifel,  so  über
das  Wesentliche  in  den  Thatsachen  wie  über  die
rechtliche  Beurtheilung,  weichen  vor  seiner  sichern
Führung  des  Steuers,  zertheilten  Wogen  gleich,  zur
Seite,  er  gelangt  gemeinhin  auf  kurzem  Wege  zum
Ziel,  er  arbeitet  so  kurz  als  gründlich.  Zur  Rechtfertigung
  seines  Ausspruchs  führt  er  kein  Motiv
an,  dem  nicht  (wenigstens  mittelbar)  ein  klar  gedachter
  Rechtssatz  zu  Grunde  liegt;  er  bezieht  sich
auf  keinen  Rechtssatz,  ohne  dessen  Sinn  und  Gränzen
  bestimmt  vor  Augen  zu  haben,  er  bedient  sich
keines  juristischen  Ausdrucks,  der  nicht  auf  das,
was  bezeichnet  werden  soll,  nach  der  ganzen  Schärfe
des  Begriffs  vollkommen  paßk.  —  Kollegialbera-=thungen
  wissenschaftlich  gebildeter  Geschäftsmänner
arten  niemals  in  haltungslose  Streitigkeiten  und
verwirrtes  Durcheinander  aus.  Wo  die  Prinzipien
  vorangestellt  werden,  da  wird  entweder  bald
die  Verständigung  erfolgen,  oder  die  Erkenntniß,
daß  Verständigung  nicht  zu  hoffen,  gewonnen  werden.
  —  Uebrigens  findet  sich  bei  Männern  von
wissenschaftlichem  Gehalte  mehr  Empfänglichkeit  für

7)  &  edrich  Rückert  die  Weisheit  des  Bramahnen  Bd.  V,
118.

„Wenn  etwas  scheinet  mehr  als  einen  Grund  zu  haben,
So  denke  nur,  du  hast  noch  recht  nicht  nachgegraben.
Wenn  du  recht  auf  den  Grund  nachgrubest,  wird  dir  kund:
Nicht  viele  Gründe  sind's,  es  ist  ein  einz'ger  Grund.“