Full text : Das Königreich Württemberg. Zweiter Band_1. (2)

Körperliche  Beschaffenheit.  59

An  Stuttgart  Amt  und  Cannstatt  schließen  sich  ebenso  Stuttgart  Stadt
10,5),  Leonberg  (10,8),  Waiblingen  (11,0)  und  weiterhin  Besigheim  (11,9)
an;  Heidenheim  (12,2)  entspricht  geradezu  dem  Mittel.  Crailsheim  (12,9)
verhält  sich  in  dieser,  wie  in  anderen  Beziehungen,  besonders  ungünstig.

Hohe  Zahlen  finden  sich  vor  allem  im  Gebiete  des  Schwarzwaldes
nach  seiner  ganzen  Ausdehnung  von  Süden  nach  Norden,  in  Tuttlingen
(16,0),  Rottweil  (15,7),  Oberndorf  (17,4),  Sulz  (15,4),  Freudenstadt
(18,1),  Nagold  (15,5),  Calw  (15,6),  Neuenbürg  (14,0);  ebenso  in  den
östlich  angrenzenden  Distrikten  Böblingen  (17,0),  Herrenberg  (13,5);  dann
weiterhin  auf  der  Alb  in  Rottenburg  (13,5),  Tübingen  (14,6),  Urach  (16,7)
und  Nürtingen  (13,0).  Auch  die  Berge  im  Norden  des  Remsthals  liefern
zahlreiche  Fälle  von  Körperschwäche:  Schorndorf  (18,5),  Welzheim  (12,7),
Gmünd  (13,5),  Gaildorf  (12,6),  Backnang  (14,5),  und  diese  ungünstigen
Verhältnisse  erstrecken  sich  durch  die  weinbauenden  Distrikte  bis  zur  westlichen
  Landesgrenze.  Fast  ohne  Unterbrechung  folgen  sich  hier  Marbach
(14,4),  Weinsberg  (18.,7),  Neckarsulm  (12,9),  Heilbronn  (12,6),  Vaihingen
(15,5),  Maulbronn  (14,3)  und  endlich  das  ungünstigste  Oberamt  Brackenheim
  (20,8).

Die  Vertheilung  dieser  Zahlen  erinnert  in  einigen  Punkten  an  die
Vertheilung  der  Körpergrößen,  aber  sie  weicht  in  wesentlichen  Beziehungen
von  dieser  ab.  Dahin  gehören  ganz  besonders  die  westlichen  Theile  der
Alb,  die  Hohenloher  Ebene  und  die  Oberämter  zwischen  Blaubeuren  und
Neresheim.  Nirgends  treten  bei  der  Körperschwäche  ethnographische  Momente
  hervor.  Ueberall  scheint  die  Lebensweise  der  Bevölkerung  und  die
damit  zusammenhängende  Ernährung  der  Kinder  den  Ausschlag  zu  geben.
Die  ackerbauenden  Distrikte  sind  entschieden  im  Vortheil;  es  sind  die  wohlhabenderen,
  wo  auch  den  heranwachsenden  Kindern  eine  kräftigere  Nahrung
  gewährt  werden  kann.  Ihnen  stehen  gegenüber  die  Distrikte  mit
Waldbau,  MWeinbau  und  Kleinindustrie;  sie  sind  ärmer,  und  die  heranwachsende
  Generation  leidet  Noth  theils  durch  schlechtere  Ernährung,  theils
durch  frühe,  zum  Theil  harte  Arbeit.  Die  Verhältnisse  unseres  Schwarzwaldes
  wiederholen  sich  in  den  angrenzenden  badischen  Acmtern.  Auch
hier  finden  sich  in  Folge  von  gehemmter  Körperentwicklung  viele  zeitlich
Untaugliche,  so  besonders  nach  Generalarzt  Dr.  Beck  in  den  Aemtern
Triberg  und  Wolfach.

Der  tiefe  Einfluß  der  Ernährung  auf  die  körperliche  Entwicklung  ist
in  neuester  Zeit  durch  die  Erfahrungen  bewiesen  worden,  welche  bei  den
Schweizer  Musterungen  von  Dr.  Butscher  gemacht  wurden.  Bei  der
3.  Division  im  Kanton  Bern  hatten  sich  1876  noch  51,8  %  Taugliche
ergeben.  Diese  Zahl  sank  1877  auf  49%  ,  1878  auf  42,9  %%  und  1879
auf  34,8%  Die  Rekruten  gehörten  fast  ganz  der  Landbevölkerung  an.