“ Ernst Eroeltsch
eigenen Gründe zugleich für sich hat. Darin ist es nun aber begründet,
daß man keinen dieser Kulturtypen versteht, wenn man nicht das Ganze
in der Wechselwirkung seiner Bestandteile und Tendenzen, vor allem in
der gegenseitigen Bedingung des Außeren und des Inneren, des Materiellen
und des Geistigen, des zufälligen historischen Schicksals und der
inneren Wesensanlage auffaßt. Die Folge davon ist, daß man die Kultur
einer Nation nicht bloß in Wissenschaft und Kunst, Religion und
Moralität, Bildung und Schule suchen darf, wic das besonders die
alles vereinfachenden Engländer gerne tun, sondern sie in der Gesamtheit
ihrer Lebenserscheinungen suchen muß, in einem relativ einheitlichen
Geistc, der sich in der gegenseitigen Bedingung dieser Lebenserscheinungen
durcheinander sowohl erzeugt als offenbart. Es hat daher gar keinen
Sinn, auf die Statistiken bekannter Dichter, Gelehrter, Künstler, Erfindungen
und Maschinen einzugehen, wie sie in der feindlichen Presse
zweiten Grades mit Vorliebe aufgemacht werden und bei denen überdies
nur die zufällige konventionelle Zeitungsberühmtheit oder das Konversationslexikon
den Maßstab bildet.5) Das gehört zu den kindischen Dingen,
die mit dem Kriege von selbst vergehen werden. Ebenso geringen
Sinn hat cs, die zufällig herausgerissenen und als Symbol des deutschen
Geistes behandelten Autoren zu besprechen. Die unsinnige Trinität
Treitschke-Mictzsche-Bernhardi, die vielen Polemikern heiliger ist als die
christlichc, die aber in den bedeutenderen Werken von den Gegnern selbst
als geschmacklose Willkür erkannt und bezeichnet ist, kann hier ganz auf
sich beruhen.)
Mit so groben Mitteln ist hier nichts zu gewinnen. Es handelt sich
5) Solche statistischen Aachweise der deutschen „Inferiorität“ hat in den Aew
Bork Times vom 20. September 1914 Professor Brander Matthews von der
Columbia University gegeben. Darauf haben geantwortet Fritz von Frantzius,
Germans as Exponents of Culture, Chicago 19134, und ein sehr unparteiischer,
gut beobachtender Artikel von Prof. Sanborn in der Free Lance Dez. 1913.
6) S. die Ablehnung dieser Zusammenstellung bei Allen S. uf., in The War
and Democracy 350 f., wo mit Recht betont ist, daß die Philosophie der Gewalt
sich bei allen Bölkern findet. „What is true, and what is more serious, is that
men like Harnack, Eucken and Wilamowitz, who wonuld repudiate all intellectual
kinship with Machiavelli and Nietzsche — men who are leaders of European
thought—publicly support and encourage the policy and standpoint of a Government
which, according to British ideas, has acted with Criminal wickedness“
G. 351. Im übrigen siehe zu dieser Frage den völlig zutreffenden Aufsatz von
O. Oucken, Deutschland, England, Amerika. Historisch-politische Betrachtung
über den Kampf in der öffentlichen Meinung. Internationale Monatsschrift
IX 7 vom 17. Februar 1915 und den Abschnitt „Kultur, Machtpolitik, Militarismus“.