122
hochgebildet, und dabei begeistert für die schönen Künste; er war aber
anderseits auch empfänglich für die Genüsse des Lebens und durchaus
kein Heiliger im Sinne der Apostel. Nach Gregorovius „Geschichte der
Stadt Rom im Mittelalter“ hat sich kein Papst dem Treiben seiner
Zeit so rückhaltslos hingegeben als dieser. Für Leo war das Papsttum
nicht eine Quelle der Arbeit und Sorge für die christlichen Gläubigen,
sondern eine solche der raffiniertesten und luxuriösesten Genüsse, die
jenes Zeitalter zu bieten hatte. Für die Ideale des entsagungsvollen
Mönchtums hatte er nichts übrig und soweit es seine Kreise nicht unmittelbar
störte, war er auch tolerant gegen Andersgläubige. Sittenlosigkeit
war an seinem Hofe, dem zwar die Zierde der legitimen edlen
Weiblichkeit fehlte, an dem sich die illegitime aber ungeniert breit
machen konnte, durchaus nicht verpönt, und es war eine widerwärtige
Komödie, wenn angesichts dieser Zustände die Geistlichkeit mit erheucheltem
Ernst die Würde ihres Amtes und die Weihe ihrer eigenen
Person vor den Augen der Menge zur Geltung zu bringen hatte. Die
weltliche Oberschicht war in Rom, soweit sie nicht mit der Geistlichkeit
verschwägert und verwandt war, ohne jede Bedeutung. Den Staat,
den Reichtum, den Luxus, die Bildung sowie alles was Wert hatte,
hatte die Geistlichkeit an sich gerissen. Die Kardinäle hatten größere
Einkünfte als der vornehmste Adel; die jährliche Rente soll bei manchen
30 000 Dukaten und noch mehr betragen haben.
Man versteht, daß die Hofhaltung des Papstes und das Leben
der Geistlichkeit mit ihrem Klüngel recht viel Geld kostete und man
kann es Martin Luther nachfühlen, wenn er schreibt: „Nun aber ist
ein solch Gewürm und Geschwürm in dem Rom, und alles sich päpstlich
rühmt, daß in Babylonien nicht ein solch Wesen gewesen ist. Es sind
mehr denn dreitausend Papstschreiber allein; wer will die andern
Amtleute zählen, so der Amter so viel sind, daß man sie kaum zählen
kann, welche alle auf die Stifter und Lehen Deutschlands warten wie
Wölfe auf die Schafe.“ Die laufenden Ausgaben wurden aus den
laufenden regelmäßigen Einnahmen bestritten. In der Beschaffung
solcher war die Kirche ebenso erfinderisch, wie skrupellos und dummdreist,
wie Luther in seinem Schreiben: „An den christlichen Adel deutscher
Nation von des christlichen Standes Besserung“ in seinem gerechten
Zorn feststellen muß. Es kamen aber auch noch zufällige Ausgaben
hinzu und eine solche verlangte der Bau der neuen Peterskirche in Rom,
der durch Leo X. wesentlich gefördert wurde. Um diese Mittel aufzubringen,
schrieb Leo 1516 einen großen Ablaß aus und übertrug dem
Markgrafen Albrecht von Brandenburg, der auch Erzbischof von Mainz
und als solcher Kurfürst war, den Vertrieb desselben auf Teilung.
Albrecht, der auch notwendig Geld gebrauchte, ergriff diese Gelegen-