Metadata : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

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hochgebildet,  und  dabei  begeistert  für  die  schönen  Künste;  er  war  aber
anderseits  auch  empfänglich  für  die  Genüsse  des  Lebens  und  durchaus
kein  Heiliger  im  Sinne  der  Apostel.  Nach  Gregorovius  „Geschichte  der
Stadt  Rom  im  Mittelalter“  hat  sich  kein  Papst  dem  Treiben  seiner
Zeit  so  rückhaltslos  hingegeben  als  dieser.  Für  Leo  war  das  Papsttum
nicht  eine  Quelle  der  Arbeit  und  Sorge  für  die  christlichen  Gläubigen,
sondern  eine  solche  der  raffiniertesten  und  luxuriösesten  Genüsse,  die
jenes  Zeitalter  zu  bieten  hatte.  Für  die  Ideale  des  entsagungsvollen
Mönchtums  hatte  er  nichts  übrig  und  soweit  es  seine  Kreise  nicht  unmittelbar
  störte,  war  er  auch  tolerant  gegen  Andersgläubige.  Sittenlosigkeit
  war  an  seinem  Hofe,  dem  zwar  die  Zierde  der  legitimen  edlen
Weiblichkeit  fehlte,  an  dem  sich  die  illegitime  aber  ungeniert  breit
machen  konnte,  durchaus  nicht  verpönt,  und  es  war  eine  widerwärtige
Komödie,  wenn  angesichts  dieser  Zustände  die  Geistlichkeit  mit  erheucheltem
  Ernst  die  Würde  ihres  Amtes  und  die  Weihe  ihrer  eigenen
Person  vor  den  Augen  der  Menge  zur  Geltung  zu  bringen  hatte.  Die
weltliche  Oberschicht  war  in  Rom,  soweit  sie  nicht  mit  der  Geistlichkeit
verschwägert  und  verwandt  war,  ohne  jede  Bedeutung.  Den  Staat,
den  Reichtum,  den  Luxus,  die  Bildung  sowie  alles  was  Wert  hatte,
hatte  die  Geistlichkeit  an  sich  gerissen.  Die  Kardinäle  hatten  größere
Einkünfte  als  der  vornehmste  Adel;  die  jährliche  Rente  soll  bei  manchen
30  000  Dukaten  und  noch  mehr  betragen  haben.

Man  versteht,  daß  die  Hofhaltung  des  Papstes  und  das  Leben
der  Geistlichkeit  mit  ihrem  Klüngel  recht  viel  Geld  kostete  und  man
kann  es  Martin  Luther  nachfühlen,  wenn  er  schreibt:  „Nun  aber  ist
ein  solch  Gewürm  und  Geschwürm  in  dem  Rom,  und  alles  sich  päpstlich
rühmt,  daß  in  Babylonien  nicht  ein  solch  Wesen  gewesen  ist.  Es  sind
mehr  denn  dreitausend  Papstschreiber  allein;  wer  will  die  andern
Amtleute  zählen,  so  der  Amter  so  viel  sind,  daß  man  sie  kaum  zählen
kann,  welche  alle  auf  die  Stifter  und  Lehen  Deutschlands  warten  wie
Wölfe  auf  die  Schafe.“  Die  laufenden  Ausgaben  wurden  aus  den
laufenden  regelmäßigen  Einnahmen  bestritten.  In  der  Beschaffung
solcher  war  die  Kirche  ebenso  erfinderisch,  wie  skrupellos  und  dummdreist,
wie  Luther  in  seinem  Schreiben:  „An  den  christlichen  Adel  deutscher
Nation  von  des  christlichen  Standes  Besserung“  in  seinem  gerechten
Zorn  feststellen  muß.  Es  kamen  aber  auch  noch  zufällige  Ausgaben
hinzu  und  eine  solche  verlangte  der  Bau  der  neuen  Peterskirche  in  Rom,
der  durch  Leo  X.  wesentlich  gefördert  wurde.  Um  diese  Mittel  aufzubringen,
  schrieb  Leo  1516  einen  großen  Ablaß  aus  und  übertrug  dem
Markgrafen  Albrecht  von  Brandenburg,  der  auch  Erzbischof  von  Mainz
und  als  solcher  Kurfürst  war,  den  Vertrieb  desselben  auf  Teilung.
Albrecht,  der  auch  notwendig  Geld  gebrauchte,  ergriff  diese  Gelegen-