Full text : Regierungs-Blatt für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1918 (5)

—  246  —

vorher  eine  Woche  lang  in  einem  pockenverseuchten  Orte  Rußlands  aufgehalten  hatte,  in
Koadjuthen  ein  20jähriger  Kutscher,  in  der  Stadt  Tilsit  ein  38jähriger  Bierkutscher,
der  mit  russischen  Juden  zusammen  gekommen  war,  seine  7  jährige  Tochter  und  ein  20jähriger
russischer  Arbeiter,  letzterer  wenige  Tage  nach  seiner  Ankunft.  Durch  Russen  wurde  die
Seuche  auch  nach  Leitgirren  (Kreis  Niederung)  getragen,  wo  eine  54  jährige  Frau  unbekannten
  Impfzustandes  nach  schwerer  Erkrankung  an  hämorrhagischen  Pocken  am  21.  März
verstarb.  In  der  Grenzstadt  Schirwindt  (Kreis  Pillkallen)  erkrankte  im  April  ein
15  jähriger  russischer  Schmiedelehrling,  bald  darauf  die  60  jährige  Ehefrau  des  Schmiedemeisters
  und  ein  in  dieser  Famile  verkehrender  41  jähriger  Ziegelmeister  aus  Uszpiaunen.
Im  Kreise  Stallupönen  wurden  in  der  Grenzstation  Eydtkuhnen  in  den  Monaten
Januar  bis  April  6  Personen,  darunter  2  ungeimpfte  russische  Kinder  von  5  und  8  Jahren
von  den  Pocken  befallen.  Von  diesen  erlagen  der  Krankheit  eine  25  jährige  Frau,  die  ihren
pockenkranken  Schwager  in  Rußland  besucht  und  sich  hierbei  angesteckt  hatte,  am  31.  Januar
und  eine  47  jährige  Arbeiterfrau  am  12.  April  1902.  Außerdem  erkrankte  in  Mecken
anfangs  Dezember  ein  14¾  jähriger  Russe,  der  kurz  vorher  zugereist  war.  Von  den  im
Kreise  Angerburg  gemeldeten  4  Pockenfällen  ist  die  in  Kehlerwald  am  12.  Januar  aufgetretene
  Erkrankung  eines  1  /4jährigen  Kindes  als  eine  Fortsetzung  der  am  30.  und  31.
Dezember  des  Vorjahres  beobachteten  3  Fälle  zu  betrachten  (vgl.  Mediz.-stat.  Mitt.  a.  d.
Kaiserl.  Gesundheitsamte,  Bd.  VIII,  S.  9).  In  Jesziorowsken  waren  im  Monat  April
3  Kinder  einer  Familie  im  Alter  von  4  bis  10  Jahren  an  diskreten  Pocken  leicht  erkrankt.
Aus  dem  Kreise  Lyck  wurden  im  Monat  Mai  5  Pockenfälle  gemeldet.  Betroffen  waren
in  Sypittken  ein  52jähriger  Arbeiter,  dessen  Impfzustand  nicht  festzustellen  war,  und  ein
ungeimpftes  einjähriges  Kind,  auf  dem  Gute  Sawadden  eine  39jährige  Frau,  die  sich
bei  einem  Besuch  in  Sypittken  angesteckt  hatte,  in  dem  Grenzorte  Prostken  2  russische
Kinder  von  8  Monaten  und  2  Jahren,  welche  die  Krankheit  aus  Rußland  mitbrachten,
so  daß  alsbald  ihre  Aufnahme  in  die  Isolier-Baracke  nötig  wurde.  In  Soldahnen  (Kreis
Johannisburg)  traten  bei  einem  ungeimpften  einjährigen  Kinde  konfluierende  Pocken  auf,
welchen  es  nach  schwerer  Krankheit  am  3.  Juni  erlag.  Fünf  Tage  später  zeigten  sich
diskrete  Pusteln  bei  der  15jährigen  Schwester  und  der  36jährigen  Mutter,  sie  erkrankten
nur  leicht  und  genasen  bald.  In  Bialutten  (Kreis  Neidenburg)  erkrankte  eine  48  jährige
Frau,  welche  etwa  2  Wochen  vorher  in  Rußland  ein  Haus  betreten  hatte,  in  welchem
mehrere  Kinder  pockenkrank  lagen.  Auf  Einschleppung  aus  Belgien  waren  2  Erkrankungen
in  Frelenberg  (Kreis  Geilenkirchen)  zurückzuführen.  Zunächst  wurde  im  Monat  März
eine  44jährige  Frau  mittelschwer  betroffen;  etwa  14  Tage  später  zeigten  sich  auch  bei  dem
40  jährigen  Ehemann  diskrete  Pusteln,  die  indessen  bald  abheilten.

Zu  2:  Unter  russischen  Auswanderern,  die  am  8.  Juni  auf  dem  Bahnhofe  Ruhleben
  ankamen,  wurden  bei  2  Kindern  im  Alter  von  1  und  2  Jahren  diskrete  Pocken  festgestellt;es
  erfolgte  sofort  die  Absonderung  der  beiden  Kinder  und  der  zugehörigen  Familien.

In  Hamburg  erkrankte  im  Monat  Dezember  ein  11jähriges  Auswandererkind  an
Pocken.  Das  Medizinalamt  teilt  über  diesen  Fall  folgendes  mit:

„Ein  aus  Bessarabien  zugereistes  Auswandererkind  mußte  am  21.  Dezember  1902  wegen  „Varizellen“
in  das  Krankenhaus  gesandt  werden.  Die  lange  schwankende  Diagnose  wurde  schließlich  auf  Pocken  gestellt,
sowohl  wegen  des  klinischen  Verlaufes,  wie  wegen  des  Befundes  von  Guarnierischen  Körperchen  in  Schnitten
aus  der  mit  Pustelinhalt  geimpften  Cornea  von  Kaninchen  Weitere  Erkrankungen  schlossen  sich  an  diesen
Fall  nicht  an.  Derselbe  erschien  aus  dem  Grunde  recht  rätselhaft,  weil  die  aus  8  Köpfen  bestehende  Familie
schon  seit  dem  80.  November  in  den  Auswandererhallen  wegen  mehrfacher  Masernerkrankungen  unter  den
zugehörigen  Kindern  isoliert  war.  Später  wurde  bekannt,  daß  ein  anderer  Knabe,  der  vom  25.  November
bis  6.  Dezember  in  den  Auswandererhallen  untergebracht  war,  trotz  erfolgreicher  Impfung  auf  dem  Schiffe