Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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gehalt  und  dem  Mangel  starker  Strömungen  und  Gezeiten
  beruht  die  starke  winterliche  Eisent  wicklung,
die  für  Seeverkehr  und  Strategie  von  ausschlaggebender
  Bedeutung  ist.  Die  Dauer  der  Vereisung
nimmt  im  allgemeinen  nach  den  inneren  Teilen  der
Ostsee  zu.  Während  sich  über  die  südliche  Ostsee  in
Jahrhunderten  nur  einige  Male  eine  Eisdecke  spannte,
weisen  der  Bottnische  und  der  Finnische  Busen  jedes
Jahr  eine  Eisdecke  auf.  Allenthalben  aber  sind  enge
Fahrwasser,  Flußmündungen,  seichte  Küstenbuchten
und  besonders  die  Haffe  durch  stärkere  Eisbesetzung
gekennzeichnet.  Im  einzelnen  spielt  die  Lage  der
Küste  zu  den  herrschenden  Winden  eine  wichtige  Rolle
für  die  rasche  Abtrift  oder  für  die  Berstopfung  durch
Eis.  Der  enge  Sund  weist  über  50  Eistage  im  Jahre
auf,  eine  Zahl,  die  ostwärts  erst  wieder  im  seichten
Greifswalder  Bodden  und  bei  Swinemünde  erreicht
wird.  Wesentlich  günstiger  sind  die  tiefen  Föhrden

estellt,  am  günstigsten  die  nahezu  eisfreie  Kieler
Körde.  die  auch  deshalb  zum  Hauptkriegshafen  besonders
  geeignet  ist,  am  schlechtesten  die  schmale,  seichte
und  tief  ins  Land  eindringende  Schlei  (35  Eistage).
Der  Kaiser-Wilhelm-Kanal  kann  während  des  Ganzen
Winters  vom  Verkehr  benutzt  werden.  Mehr  Eistage
als  die  Föhrden  haben  in  der  Regel  die  Bodden,  die

rößte  Zahl  findet  man  in  den  LKoffen  (Stettin  61,

illau  69,  Elbing  94,  Königsberg  113),  fast  frei  sind
die  äußersten  Küstenvorsprünge  (Rixthöft  5  Eistage).
Die  Segelschiffahrt  erleidet  dadurch  im  östlichen  Teil
der  deutschen  Ostseeküste  eine  erhebliche  Behinderung,
die  Damupfschiffahrt  kann  dagegen  durch  Eisbrecher
meist  im  Gange  gehalten  werden.  Nur  in  der  Eider,
im  Greifswalder  Bodden  und  im  Frischen  Haff  liegt
sie  einige  Zeit  (Königsberg  über  20,  Elbing  über  60
Tage)h  stille.  Auch  darum  haben  die  innenliegenden
großen  Handelshäfen  Vorhäfen  als  eisfreie  Winterhäfen
  gegründet  (Travemünde,  Warnemünde,  Swinemünde,
  Neufahrwasser,  Pillau),  und  diese  Winterhäfen
  spielen,  je  weiter  man  nach  Norden  fortschreitet,
eine  immer  größere  Rolle  und  lösen  sich  räumlich
immer  mehr  vom  Haupthafen  los,  um  eine  möglichst
lange  eisfreie  Stelle  zu  erreichen.  Die  Beispiele  von
Libau  und  Windau  für  Riga,  von  Reval  und  Baltischport
  für  St.  Petersburg,  von  Hangb  für  Helsingfors
  und  andere  haben  dies  gezeigt.  In  der  Mitte
des  Rigaischen  Meerbusens  erreicht  die  Eisdauer  schon
60  Tage,  an  den  Küsten  noch  mehr.  So  gibt  es  bei
Dünamünde  schon  75,  bei  Pernau  sogar  über  135
Eistage.  Anfang  Dezember  beginnt  im  Bottnischen
Busen  der  Eisansatz  am  Nordrand,  im  Finnischen
Busen  in  den  Buchten  von  St.  Petersburg,  Wiborg
und  Narwa.  Mit  fortschreitendem  Winter  rückt  die
Vereisung  dort  nach  Süden,  hier  nach  Westen  fort,
wobei  in  beiden  Gewässern  die  Mitte  viel  länger  eisfrei
  bleibt  und  auch  früher  wieder  eisfrei  wird  als  die
Ränder.  Die  Enteisung  nimmt  den  unngekehrten
Weg.  Die  Dauer  der  Vereisung  beträgt  im  äußeren
Teil  des  Finnischen  Meerbusens  1½  Monat  an  den
Rändern,  einen  halben  Monat  in  der  Mitte,  die  Kronstädter
  Bucht  ist  5  Monate  (bis  Anfang  Mai)  vom
Eise  gesperrt.  Noch  ungünstiger  liegen  die  Verhältnisse
  im  Bottnischen  Busen.  Beide  Meeresteile  können
im  Winter  zu  Fuß  und  zu  Wagen  gequert  werden.
Die  Handelsschiffahrt  liegt  dann  in  ihren  inneren  Teilen
  vollkommen  stille,  die  Tätigkeit  der  Kriegsflotten  ist
dortuausgeschaltet.  Dagegen  wäre  es  möglich,  Angriffe
über  das  Eis  hinüberzutragen,  so  wie  einst  Karl  X.
sein  Heer  über  die  vereisten  Gewässer  der  Beltsee  ge-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

führt  hat.  Südlich  vom  Finnischen  Meerbusen  besitzt
Schweden  entlang  seinen  gesamten  Küsten  allenthalben
  Häfen,  die  eisfrei  sind  oder  durch  Eisbrecher
offengehalten  werden  können.

Die  Gezeiten  der  Ostsee  sind  ganz  unbedeutend,
da  die  Abschnürung  von  der  Nordsee  zu  stark  und  die
Größe  des  Meeres  zu  gering  ist,  als  daß  eine  kräftige
Entwicklung  möglich  wäre.  Der  Springtidenhub,  der
bei  Skagens  Rev  noch  über  30  cm  beträgt,  sinkt  bereits
bei  Kopenhagen  fast  aus  die  Hälfte  herab,  weist  in  der
eigentlichen  Ostsee  bloß  wenige  Zentimeter  Höhe  aufund
erreicht  nur  im  innersten  Teile  des  Finnischen  Meerbusens
  wieder  den  Kopenhagener  Wert.  Den  Hauptanteil
  hat  eine  in  der  Ostsee  selbstentstehende,  nach  links
fortschreitende  Drehwelle  von  ganztägigem  Charakter.

Klima.  Die  Ostsee  dringt  weit  in  das  Festland  und
damit  in  Gebiete  ein,  die  bereits  ein  ausgesprochen
kontinentales  Klima  haben.  Wie  einerseits  dadurch
ihre  hydrographischen  Verhältnisse  beeinflußt  werden,
so  Übt  anderseits  ihre  Wassermasse  eine  tiefgreifende
Uimatische  Wirkung  aus,  so  daß  wir  von  einem  Ostseeklima
  sprechen  und  es  in  Gegensatz  zu  den  Klimagebieten
  der  umgebenden  Landflächen  setzen  können.
Die  Jahresschwankung  der  Temperatur  wird  durch
das  Meer  sehr  gemildert.  Über  der  südlichen  Ostsee
liegt  die  Januartemperatur  bei  0°,  nur  gegen  das  ostpreußisch-baltische
  Gestade  nimmt  sie  rasch  auf  —3
ab,  während  auf  der  offenen  See  dieser  Wert  erst  halbwegs
  zwischen  den  Nlandsinseln  und  den  Quarken
erreicht  wird.  Über  den  nördlichen  Meeresteilen,  die
sich  großenteils  mit  Eis  bedecken,  wodurch  die  mildernde
  Wirkung  der  Wassermasse  herabgesetzt  wird.
sinken  die  Temperaturen  tiefer.  Im  Rigaischen  Meerbusen
  beträgt  die  Januartemperatur  an  —50,  in  den
innersten  seichten  und  schmalen  Teilen  des  Finnischen
Meerbusens  —  80°  bis  —  9°  und  am  Nordende  des
Bottnischen  Meerbusens  sogar  —1  1°.  Aber  die  um.
gebenden  Landgebiete  sind,  abgesehen  von  der  füdlichen
  Ostsee  anseerhalt  Bornholms,  sehr  viel  kälter.
Das  Hauptbecken  der  Ostsee  hat  im  Januar  eine  positive
  Temperaturanomalie  von  12—138°%  Im  Frühjahr
  bleibt  das  Meer  kalt,  während  sich  das  Land  rasch
erwärmt.  Im  März  verschwinden  daher  die  Temperaturgegensäßze
  zwischen  der  Ostsee  und  ihrer  Umgebung
  fast  allsean  undim  Aprilistbereits  das  Land
wärmer.  Die  Unterschiede  werden  besonders  groß  in
den  nördlichen  Teilen,  die  noch  lange  von  Eis  bedeckt
bleiben.  Das  Frühjahr  ist  die  Zeit  der  häufigsten
Nebel  auf  offener  See,  da  die  warmen  Landwinde
über  dem  kühlen  Meere  ihren  Dampfgehalt  kondensieren
  müssen.  Über  20  Prozent  aller  Tage  haben  dann
im  Hauptbecken  des  Meeres  Nebel.  Der  Wärmeüberschuß
  des  Landes  bleibt  bis  zum  August  bestehen,  wo
ein  zweiter  Ausgleich  eintritt.  Im  Julibeträgt  die  Lufttemperatur
  an  den  Küsten  der  Ostsee  bis  zur  Breite
von  Stockholm  und  St.  Petersburg  ungefähr  176,
an  den  bottnischen  Küsten  etwa  15°,  auf  offener  See
findet  man  16°%  im  Süden  und  14°  im  Norden.  Die
Lufttemperatur  ist  mithin  im  Sommer  ebenso  wie
die  Wassertemperatur  gleichmäßig  verteilt.  Nur  die
beiden  nördlichen  Glieder  der  Ostsee  weisen  eine  positive
  Temperaturanomalie  bis  zu  5°%  auf,  die  aber
lleiner  als  die  des  umgebenden  Landes  ist.  Im  September
  ist  die  Luft  über  dem  Meer  bereits  wieder  etwas
  wärmer  als  über  dem  Lande  und  der  Unterschied
nimmt  bis  zum  Jahresende  zu.  Im  Herbstund  Winter
treten  häufig  Küstennebel  auf,  wenn  die  warme,
feuchte  Seelust  über  das  Land  hinstreicht.  Die  Ein-