—.. 635—
und La Haye setzte Erlon seine Angriffe fort. Da dieselben jedoch ohne Unterstützung
blieben, so hatten sie keinen Erfolg.
Die Aufmerksamkeit des Kaisers wurde um diese Zeit — es war gegen
3 Uhr nachmittags — durch eine Erscheinung am westlichen Saume des
Schlachtfeldes gefesselt. Er sah noch in der Entfernung von einer kleinen Meile
eine dunkle, gegen seine rechte Flanke sich vorbewegende Masse, die er als eine
im Marsche begriffene Truppenkolonne erkannte. „Es ist Gronchy,“ sprach der
Kaiser, mehr um seine Umgebungen zu beruhigen, als weil er es glaubte. In
dem Angenblick brachte man einen gefangenen preußischen Husaren. „Woher?“
fragte der Kaiser. „Von St. Lambert, Patrouille des 4. preußischen Corps,
das dort im Anmarsch unter General Graf Bülow von Dennewitz.“ Des Kaisers
Blick verfinsterte sich. „Es kann nicht sein, es ist Grouchy,“ versicherte er, „der
meinem rechten Flügel zu Hilfe kommt, wie ich ihm befohlen;" aber er zog
seinen rechten Flügel in eine Hakenstellung zurück, nicht als ob er dort Grouchy,
sondern als ob er den Feind erwartete. Wir wenden uns selbst zu jener blauen
Masse, welche die Aufmerksamkeit des Kaisers in so hohem Grade fesselte.
Argerlich, daß seine alten Knochen sich noch immer nicht von dem fatalen
Sturze bei Ligny erholen wollten, war der Feldmarschall Blücher am 18. Juni
morgens in seinem Hauptquartier zu Wavre erwacht. Die Feldmedici umstanden
das fürstliche Lager, er schickte sie — zur Thür hinaus, ließ einen
Adjutanten holen und diktierte ihm, während er sich vom Lager erhob und
ankleidete, ein Schreiben an den General Müffling, preußischen Militärbevollmächtigten
im Hauptquartier des Herzogs von Wellington:
„Ich ersuche Sie, dem Herzoge von Wellington zu sagen, daß, so krank
ich auch bin, ich mich dennoch an die Spitze meiner Truppen stellen werde,
lum den rechten Flügel des Feindes sogleich anzugreifen, wenn Napoleon etwas
gegen den Herzog unternimmt; sollte der heutige Tag aber ohne einen feindlichen
Angriff hingehen, so ist es meine Meinung, daß wir morgen
vereint die französische Armee angreifen.“
Den Brief dem Boten übergeben und prompteste Bestellung eingeschärst,
trat er hinaus vor die Thür und hob sich mit dem jungen Herzen und den
alten Knochen in den Sattel auf seinen Ulanengaul, um dem Wellington sein
Versprechen zu halten. Ein frischer Morgenwind wehte ihm den Regen ins
Antlitz. „Willkommen, alter Bundesgenosse von der Katzbach! sparst dem König
wieder Pulver!“ Auf dem Sammelplatze traf er das Heer, bereit zum Aufbruch
und, so Gott es wollte, zur neuen Schlacht. „Gut'n Morgen, Kinder, heute giebt's
ne Schlacht, Revanche für Ligny!“ — „Hurra, es lebe Vater Blücher!"“ rief das
ganze Heer einstimmig. „Vorwärts denn mit Gott" — — „vfür König und
Vaterland!“ ergänzte das preußische Echo, und vorwärts ging's gen Waterloo.
Den Marsch eröffnete das Corps von Bülow, welches an der Schlacht von