Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Schäfer:  Friedensverhandlungen  und  Friedensschlüsse  der  Vergangenheit

gefährdete  eigene  Stellung.  in  Sicherheit  zu  bringen.
uan  Schikai  lehnte  diese  Lockungen  ab;  Japan  aber,

das  die  Absicht  durchschaute,  nahm  eine  so  unzweideutige
  Haltung  an,  daß  England  erschrocken  zurückwich
  und  dem  Verbündeten  versicherte,  es  würde  in
Ostasien  keinen  neuen  Schritt  ohne  vorherige  Verständigung
  mit  ihm  unternehmen.  Eine  Probe  seines
Wohlverhaltens  konnte  es  fast  gleichzeitig  ablegen.
In  richtiger  Erkenntnis  der  Gefährlichkeit  der  republikanischen
  Komödie  hatte  der  Präsident  Yuan  Schikai
  die  Wiedereinführung  der  Monarchie  in  China
vorbereitet  und  war  dabei  sowohl  von  seinen  amerikanischen
  Ratgebern  wie  auch,  nach  den  Außerungen
der  wohl  abgerichteten  englischen  Presse  zu  schließen,
von  der  englischen  Vertretung  ermutigt  worden.  Plötzlich
  aber,  am  28.  Oktober  1915,  erschienen  der  japanische
  Geschäftsträger  als  Sprecher  und  in  seinem  Gefolge
  die  Gesandten  Englands  und  Rußlands  auf  dem
Ministerium  des  Auswärtigen  in  Peking  und  gaben
eine  Erklärung  ab,  in  der  die  chinesische  Regierung
den  Rat  erhielt,  die  Wiedereinführung  der  Monarchie
8  vertagen,  weil  der  Ausbruch  von  Unruhen  im

nde  zu  erwarten  sei  und  dadurch  die  Interessen  Japans
  und  der  anderen  in  China  interessierten  Mächte
bedroht  würden.  Japan  zeigte,  daß  es  in  der  Tat
Herr  in  Ostasien  war  und  daß  es  das  Schicksal  Chinas
  nach  seinem  Willen  zu  formen  entschlossen  war.
Die  Wiederherstellung  der  Monarchie  unterblieb  daraufhin,
  und  am  5.  Juni  1916  starb  Yuan  Schilkai,
ob  eines  natürlichen  Todes,  wird  vielleicht  die  Zukunft
  einmal  lehren.

In  wachsendem  Hader  der  Parteien,  durch  Unruhen
und  Aufstände  geschwächt,  unter  zunehmendem  Verfall
  der  zentralen  Regierungsgewalt  und  durch  ständige
  Geldnot,  eine  Folge  der  zerfahrenen  Verwaltung,
gehemmt  und  bedroht.  hat  das  unglückliche  Land  seitdem
  sein  Dasein  gefristet,  immer  in  Angst  vor  einem
neuen  japanischen  Zugriff  und  allein  gestützt  durch
die  Hoffnung  auf  ein  baldiges  Ende  des  Krieges,  das
dann  ein  neues  Gegengewicht  gegen  den  unbarmherzigen
  Bedränger  bringen  könnte.

Wider  Erwarten,  aber  nicht  als  Errettung,  sondern
als  neue  Vergewaltigung  hat  sich  dieses  Gegengewicht
noch  vor  dem  Kriegsende  eingestellt.  Unmittelbar
nachdem  im  Februar  1917  Amerika  die  Beziehungen

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u  Deutschland  abgebrochen  hatte,  erging  von  dem
Präsidenken  Wilson  die  Aufforderung  an  China,  sich
diesem  Vorgehen  anzuschließen.  Ohne  Zögern  wurde
diese  Aufforderung  abgelehnt,  dann  aber  übte  Amerika,
  vermutlich  nach  Verabredung  mit  England,  durch
seine  Vertreter  und  Agenten  einen  derartigen  Druck
auf  die  willensschwache  Regierung  aus,  und  zwar
nicht  bloß  mit  Versprechungen  und  Drohungen,  sondern
  auch,  woran  heute  kein  Zweifel  mehr  sein  kann,
durch  Anwendung  höchst  lichtscheuer  Mittel,  daß  der
Abbruch  der  Beziehungen  zu  Deutschland  von  den  kopflos
  und  willenlos  gemachten  politischen  Machthabern
am  14.  März  beschlossen  wurde.  Furcht  vor  Japan
ist  die  treibende  Kraft  dabei  gewesen;  trotzdem  ist  schon
jetzt,  nach  Verlauf  von  wenigen  Wochen,  beider  überall
vorhandenen  Hinneigung  zu  Deutschland,  der  Widerspruch
  im  Lande  dermaßen  stark  geworden.  daß  die
weuere  Entwicklung  heute  noch  nicht  absehbarist,  zumal
sich  die  Stellung  Japans  zu  dem  Ganzen  bisher  noch
jeder  Beurteilung  entzieht.  Zu  Rußland  hat  Japan
sein  Verhältnis  durch  ein  neues  Abkommen  weiter  gefestigt,
  das  unter  dem  3.  Juli  1916  vereinbart  worden
  ist  und  beiden  Teilen  ihre  sterritorialen  Rechte
und  besonderen  Interessen  im  Fernen  Osten=  gegen
jeden  Eingriff  Dritter  gewährleistet,  dagegen  bleibt
die  Stellung  zu  Amerika  unausgeglichen,  zu  England
hat  sie  sich  verschärft.

Ohne  Rücksicht  auf  die  Folgen  haben  England  und
Amerika  einen  neuen  Feuerbrand  in  die  ostasiatische
Welt  geschleudert;  niemand  vermag  heute  zu  sagen,
wie  die  Flammen  einst  zu  löschen  sein  werden.

Literatur.  H.  Bächtold,  Die  geschichtlichen  Grundlagen
  des  Weltkrieges  (Zürich  1915);  H.  Hashagen,  England
  und  Japan  seit  Schimonoseki  (Essen  1915);  J.  Oncken,
Die  Vorgeschichte  des  Krieges  (in  .Deutschland  und  der  Weltkrieg-,
  2.  Aufl.,  Leipz.  1917);  O.  Frante,  Cstasien  und  der
Krieg  (in  -Das  Größere  Deutschlande,  1914,  Nr.  33);  Derselbe,
  Die  ostasiatische  Frage  (ebenda  1915,  Nr.  14);  Derselbe,
  Die  Großmächte  in  Ostasien  (in  -Deutschland  und  der
Weltimege,  2.  Aufl.,  Leipz.  1917);  Derselbe,  China  auf  dem
Rückwege  zur  Monarcheie  (7  Deutsche  Politik=  1916,  Heft  4);
H.  Mueller,  Der  russisch-japanische  Vertrag  vom  3.  Juli
1916  („Zeitschrift  für  Politike  1916,  Heft  1);  Derselbe,
Japan  und  der  Ferne  Osten  (7Das  neue  Deutschland  1917,
Heft  14);  O.  Franke,  Zur  Vorgeschichte  des  Abbruchs  der
deutsch-chinesischen  Beziehungen  (#Wertschaftsdienste,  hreg.
von  der  Zentralstelle  d.  Hamburg.  Kol.  Just.,  1917,  Nr.  21.)

Friedensverhandlungen  und  Friedensschlüsse
  der  Vergangenheit
von  Professor  Dr.  Dietrich  Schäfer  in  Berlin-Steglitz

Häufiger  als  sonst  in  Kriegsläuften  hat  man  während
  des  gewaltigen  Kampfes,  in  dem  wir  nochmitteninne
  stehen,  an  frühere  Friedensverhandlungen  und
Friedensschlüsse  erinnert  und  erörtert,  ob  und  wie
weit  sie  gleichsam  als  Beispiele  oder  Vorbilder  möchten
  dienen  können.  Es  hat  das  zum  Teil  seinen
Grund  in  der  tiefen  Sehnsucht,  die  unser  friedliebendes,
  dem  Gedanken  an  Krog  in  weiten  Kreisen  entwöhntes
  Volk  erfüllt  nach  Rückkehr  in  die  gewohnte
Tätigkeit  und  Lebensführung,  nicht  weniger  aber  auch
in  dem  Mangel  an  Vertrauen  in  unsere  Reichsleiung.
  der  gerade  bei  den  *.  und  Urteilsfähigsten
der  Nation  tiefe  Wurzel  gefaßt  hat  (vgl.  Art.-Kriegszielbewegung-,
  S.  1ff.).  Dazu  kommt,  daß  die  Wehrfähigen

  unseres  Volkes  noch  niemals,  seitdem  es  einen
Staat  besitzt,  auch  nur  entfernt  in  solchem  Umfange
zur  Erfüllung  der  Wehrpflicht  herangezogen,  dem
Kriege  unmittelbar  dienstbar  gemacht  worden  sind,
wie  das  diesmal  notwendig  geworden  ist.  Noch  nie
wurden  Beschwerden,  Lasten  und  Schrecken  eines  Krieges
  von  einem  Volke  so  bis  in  seine  letzten  Glieder
und  in  allen  Fasern  gefühlt  wie  gegenwärtig.
Die  angestellten  Erwägungen  und  Vergleiche  haben
  sich  besonders  mit  zwei  uns  naheliegenden  Herängen
  der  Vergangenheit  beschäftigt,  mit  den  Frieensschlüssen
  Bismarcks  und  den  Verhandlungen,  die
dem  Befreiungskriege  folgten.  Daß  man  sich  dem
Meister  deutscher  Politik  zuwandte,  erklärt  sich  von
selbst;  wenn  man  auf  die  Befreiungskriege  zurückgriff,

1  Ugl.  s.  B.  Johannes  Haller,  Bismarcks  Friedensschlüsse
C.  Aufl.,  Münch.  1917).