56
wie oft alles vom ersten Moment abbängt. Wie gewöhnlich,
gehe ich auch beute um eilf Uhr zu dem Grafen,
um ein Stündchen mit ihm zu verplandern. Sebe ich
nun, daß die seinem Zimmer gegenüber stebende Kirchtburmuhr
drei Viertel auf zwölf anzeigt, so wende ich
das Gespräch auf die Wittwe und ihre Lage, und gebe
zu erkennen, daß ich bedaure, nicht so reich zu seyn, um
eine unglückliche Familie vom Untergang zu retten. Der
Graf kannte den Verstorbenen, die Lage seiner Hinterlassenen
wird sein Herz rühren und zur Hülfe geneigt
machen. Nun schlägt es zwölf, die Frau tritt herein,
ich stelle sie ihm vor: Herr Graf, dies ist die Unglückliche,
von welcher wir eben gesprochen. Geben Sie ihr
Trost und Rettung, der Himmel wird Sie dafür segnen.
So wie ich den Grafen kenne, giebt er die dreibundert
Tbaler, und freut sich seines wohlthätigen Werks. Auch
bei bessern Menschen entscheidet oft die Stimmung und
der Eindruck des Augenblicks.
Daß die Wittwe das Geld wirklich erbalten, weiß
ich nicht nur von Darbs, sondern auch von der Frau
selbst, die sich nach mir erkundigen ließ, in der Meinung,
ich hätte bei Darbs ein gutes Wort für sie gesprochen.
Dankbar schickte sie ihren altesten Sobn zu
mir, um mir für die vermeinte Mitwirkung zu seinem
Gläcke zu danken, und sich vor seiner Abreise nach der
Universität Halle noch bei mir zu empfeblen.
Die beiden ersten Monate meines Aufenthalts in
Berlin kam ich mit meinem Freund Haller in nicht geringe
Geldverlegenheit. Mein Freund erhielt seinen
Wechsel auf Dresden, dort wollte man denselben ohne