1369
wart oder dem Inf. eines Verbums: da ward das ganze
heer laufend Richt. 7, 21; Moses aber ward zittern
Ap. Gesch. 7, 32; ward REsopus lachen BWaldis Leb.
Esopi 154; gehalten hat sich davon die in heutiger Spr.
überhand genommene Umschreibung des Conjunctivs
der Vergangenheit durch wurde: sag ihm, ich wurde
kommen (statt ich küme); zur Umschreibung des Passivs,
mit dem Part. der Vergangenheit, allgemein; zur Umschreibung
des Futurums, mit dem Jufinitiv, seit der
mhd. Zeit; in gewöhnlicher Rede auch bei Zweifel, Ungewißheit:
ihr verdet eine stille kleine hochzeit machen?
Goethe Clavigo 4; ihr werdet heute in Blumenstein
gewesen sein JGotthelf Uli d. Ku. 285; in unbeholsen
niedriger Spr. demütiger Ausdruck für das bloße
Präsens: ich werde Martin Krumm heiszen, und werde,
auf diesem gute hier, wohblbestalter vogt sein Lessing
Juden 2. — In der Zusammensetzung Werdegaug, m
Gang der Entwickelung; Wort der heutigen Spr.: den
einzigen mann (Moltke) im zusammenhange seines
werdegangs, seiner entwicklung kennen zu lernen Gegenwart
1892 Nr. 6.
Werder, m. lleine Flußinsel; mhd. (in mitteldentschen
Ouellen) werder, Weiterbildung von ahd. warid,
werid, urhd. wert. Insel, Halbinsel, entsprechend altengl.
warodô Ufer, Gestade; unbekannter Herkunst: bis sie die
inseln, die werder, weit hinter sich hatten und der flusz
wieder breit zu flieszen anfing Goethe Wahlv. 2, 10.
Werfen, schleudernd sorttreiben; gemeingermanisches
Wort ohne sichere Urverwandte, goth. valrpan, altn.
verpa, altengl. weorpan, altsächs. werpan, ahd. wertna,
mhd. werlen; starker Conjugation, die bis jetzt geblieben
ist; für den Imperativ wirt selten werfe: herr. werfe
mir heruber ein blatt aus deinem kranz Brentano
ges. Schrift. 1, 98; das Prät. mhd. wars, wurfen sortgesetzt
uhd. als warf, warfen, daneben in älterer Spr.:
(er) wurf dreite kiselstein .. aufs wasser Garg. 348;
worfen das los darumb Marc. 15, 24; Conjunctiv worfe
Pf. 106, 27, auch noch in neuerer Spr.: die gern mieh
wurfen in den tiefsten bronnen Platen Abbass.,
Prol. 9; daneben seltener: den handschuh würf ieh
vor euch hin Schiller Tell 3, 3. Bed. 1) transitiv,
in eigentlichem Sinne, mit Acc. des Geworsenen und
Zielbestimmungen: steine ins wasser, gras in den ofen
(Matth. 6, 30), silberlinge in den tempel (27, 5), geld
in den teich (Goethe W. Meister 2, 7), saaten ins land
(Ahland 49), etwas von sich (Matth. 5, 29), auf einen
baufen, cinen, etwas uber bord (auch bildlich Keller
Nachl. 212), den knaben unter einen baum (1. Mos.
21, 15), einen zu boden (Schiller Kab. 3, 6), einem
etwas in den weg werfen, u. s. w.; auch mit ausgelassenem
Object: in die fenster werfen; wann er unier
in hanfen volks solie wersen Garg. 47; in technischer
Werdegang — wersen.
ein
Spr. ohne Zielbestimmung: das loos. die würfel (H Sachs
Fab. 2, 181), bälle (Schiller Räub. 3, 2), bomben,
kugeln, köder wersen, bei Landwirten koro, getreide,
umschaufeln; = säen: wirft kumel Jes. 29, 25; — begrifitauschend
einen wersen, — etwas auf einen wersen:
etlieche worfen sie mit aschen unter die augen 2. Macc.
4, 41; worsen jn . . mit steinen zu tod 1, 16; (ich)
werf ihn mit einem stein . . an die ripp Schiller
Räub. 1, 2; die jungen werfen sich mit sehneeballen;
einon mirt kot werfen, u. ä. 2) mannigsach überlragen
von wurfähnlichen Bewegungen, auch mnsimlich mit
Acc. und Richtungsbestimmung: cinen ins gefungnis
wersen (Luc. 23, 19), einsperren; einem etwas angebotenes
vor die füsze, einem schimpfworte, beleidigangen
an den kopf werfen; du wirfst jn dem vetter deine
lochter #örmlich an den kopf Benedix rel. Stud. 3, 9;
dem feinde neue verschanzungen in den weg werfen
Häusser d. Gesch. 3, 83; etwas in die wagschalc (Nanke
Werke 1, 254), volle kraft in einen kampf (93), schuld
nuf jemand (Häusser 3, 1314) werfen; eatreit . welcher
Werst — Wergeld. 1370
das collegium vollends auseinander worf Nanke Werke
1, 133; den könig nus ltalien zu werfen 259; einen
aus dem hanse, die haare aus der stirne, kragen uber
die schultern, eine meinung uber den haufen, weit
weg werfen; wirfest meine worte hinder dich verachtend
Ps. 50, 17; ieh will meine blindheit ganz von
mir werson Benedix ein Lustspiel 3,7; werse ieh zuerst
.. alles was mir daruüber beifullt, aufs papier
Möser Phant. 4, 4; bliek in eine sehrift (Geibel
7, 150), auge aul etwas, einen (Ranke Werke I1, 10)
werfen; anf diese froge einiges lieht .. zu werfen
Bismarck Red. 1, 20; iell werf ihn zu den todten
Schiller Karl. 3, 5, u. a.; mit bloßer Richtungsbestimmung:
mit schimpfworten, beleidi, ungen, gelehrten
eitsten um sich werson; bei Anführung von Worten:
da warf ihr der stolze Sigamber unwillig entgegen:
„durch den willen unserer götter wird alles erzeugt“
Freytag Bild. 1, 222; mit Angabe der Wirkung: einen
toct werlen Stieler; in besonderen Wendungen mit
Obsject ohne Richtungsbestimmung: ein körper wirtt
schatten; einen werfen, im Wettkampfe besiegen; das
wirst mich, macht mich krank, elend; den leind werken;
mit hurrah ging es gegen die cavallerie, sie ward geworlen
Droysen Vork 2, 105; ein maler wirft seine
gewönder gut, wenn er sie natürlich anordnet; ein
wohlgeworlenes gewand Adelung, u. a.; — werfen.
von dem Gebären der Tiere: die hund werfen die jungen
blind Eppendorff Plin. 74; unsere „Amazone“ nahm
sich daneben (neben Linienschiffen) aus, wie wend einer
dieser kolosse uber nacht ein junges geworfen hbätte
Moltke 1, 199. 3) reflexives werfen, in übertragenem
Sinne, von Personen: der (von den Littauern) wurlen
d5 zü samne sich vumfzen hundert livl. Chron. 1425;
in neuerer Spr. mannigfach: sich im beite bin und
her, sich ins gras (Freiligrath 2, 159), aufs pferd
(Körner Rosam. 5, 2), in eine stadt, nach Poitiers
(ebd.), in den feind (Zriny 5, 6), aul die batterien und
auf das feindliche fuszvolk (Häusser d. Gesch. 4, 256),
dem feind entgegen (280), in den weg (3, 16), in den
widerstsnd (Ranke Päpste 2, 16°9) wersen; sich cinem
an den hals, in die arme werfen, aufdringlich; er wark
sich zwischen die streitenden; sich einem zu fuszen
wersen, bittend, huldigend; sich auf etwas wersen, zu
gründlicher Arbeit, u. a.; von Gegenständen: schnee#
das er sich zu hanfen wirft Sir. 43, 19; der streit,
warf sich .. auf die frage Ranke Werke 1, 282; dic
(ormen, in welehe sie (die menschliche Natur) sich wirft
Päpste 1, 510; dann warfen sieh bald änszere verhültnisse
hemmend in den weg Häusser d. Gesch. 3, 155;
bei Tischlern und Zimmerleuten holz wirkt sich, zieht
sich krumm.
Werft, m. Auszug oder Kette eines Gewebes; Fort
setzung des ahd. mhd. gleichbed. warf. schon im 14. Ib.
auch werst (Germ. 28, 110), zu wersen gehörig, vom
Einwersen des Weberschisschens beim Weben bergenom
men: um werlt oder am eintracht 3. Mos. 13, 18. —
Werft, n. s. Platz am Wasser für Schiffsbau; aus dem
Niederländ. ausgenommenes Lehnwort, mul. verpte.
unl. wers, zu werben gehörig.
Werg, n. fadensörmiger Abfall beim Hecheln des
Flachses oder Hanses; ahd. werih, wereh, werk, mhd.
werch, were, zu wirken gehörig, Nebensorm zu werk
(s. d.), mit anderer Begriffsentsaltung; ältere Schreibung
werk: uberstreichens mit letten und werk Herold
Ee 107; aber bei Luther in heutiger Form: (in hauf
wergs, das mit fowr verzehret wird Err-. 21,10; bei Herder
Masc.: junge müäkchen. — (haltet) sern vom scuer.
wie den werg Cid 48. — Wergeld, n. Geldbuße für
die Tötung eines Mannes (ahd. ver, goth. vuir) nach
altem deutschem Recht, abd. werigelt, wergelt, mhd.
wergelt: wie die alten das verdoppelte wergeld der
mannes forderten Keller Werke l, 153.