276 XXVI. Deutscher Arbeiterkongreß.
XXVI. Deutscher Arbeiterkongreß.
Im Oktober 1907 fand der zweite deutsche Arbeiterkongreß (die Vertretung der
deutschen christlich-nationalen Arbeiterbewegung) in Berlin statt. Fürst Bülow hatte
bereits eine Deputation des ersten (Frankfurter) Kongresses empfangen (s. Bd. II, 376 f.),
und empfing am 24. Oktober 1907 in Klein-Flottbek auch eine Deputation des zweiten
Kongresses, deren Führer in seiner Ausprache ausführte: Die Deputation habe
den Auftrag, die Beschlüsse des Kongresses zu überbringen. Die Vertreter von über
einer Million christlich-national gesinnter Arbeiter seien versammelt gewesen. Neben
einer Aussprache über die sozialpolitische Lage im allgemeinen habe der Arbeiterschutz
in den schweren und gesundheitsschädlichen Industrien, sowie die Sonntagsruhe und
dic Arbeiterinnenfrage zur Verhandlung gestanden. Der Kongreß halte es für nötig,
daß das Verhältniswahlsystein für alle sozialen Wahlen reichsgesetzlich eingeführt werde.
Daß seit dem Frankfurter Kongreß vor vier Jahren von den damals beschlossenen Forderungen
bis heute noch keinc einzige gesetzliche Erledigung gefunden habe, habe bei den
Kameraden im Lande Befremden hervorgerufen. Ganz besonderen Wert lege die christlich-nationale
Arbeiterschaft auf Sicherung und Ausbau der Koalitionsfreiheit. Durch
ein weiteres Ruhenlassen der Sozialreform auf dem genaunten Gebiete werde ihr Bestreben,
der deutschen Arbeiterschaft durch ernste soziale Arbeit nach christlich-nationalen
Grundsätzen zu nützen, erheblich erschwert und den verneinenden Kräften im Volksleben
neuc Nahrung zugeführt. Die Delegierten seien sich der Schwierigkeiten bewußt, die
sich ihren Wünschen entgegenstellen könnten, aber sic seien auch zugleich der festen Überzeugung,
daß es im zwingenden Interesse des Vaterlandes liege, den Arbeiterstand als
gleichberechtigtes Glied dem nationalen Volkskörper einzuordnen und die deutsche Arbeiterschaft
durch erhöhten Schutz und Sicherung ihrer Rechte im Allgemeininteresse schaffensfreudig
zu erhalten. Der Redner versicherte schließlich, daß die auf dem Kongreß
vertretenen Arbeiter erfüllt seien von herzlicher Treuc und Liebe zu Kaiser und
Vaterland.
Der Reichskanzler erwiderte darauf:
Meine Herren! Es ist mir einc aufrichtige Freude, Sie als die Delegierten
des zweiten deutschen Arbeiterkongresses heute bei mir zu sehen.
Scit dem Frankfurter Kongreß haben sich die Ihnen angeschlossenen Vereinigungen
in verheißungsvoller Weise vermehrt und zugleich an Mitgliederzahl
erheblich zugenommen. Mit Genugtuung entnehme ich in
Ubereinstimmung mit Ihnen daraus den Beweis, daß in den deutschen
Arbeitern noch in weiten Kreisen eine Stätte für die Betätigung christlichnationaler
und monarchischer Gesinnung vorhanden ist. Möge es Ihnen
gelingen, diesen christlichen und deutschen Sinn weiter zu fördern und zu
pflegen.
Uber die Lage derjenigen Angelegenheiten, welche Sie bei unserer
vorigen Besprechung in den Vordergrund gestellt haben, ist Ihnen durch
den Herrn Staatssekretär des Innern Mitteilung gemacht worden. Ich
füge hinzu, daß ich meinerseits alles tun werde, um die Einbringung und