Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

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„Inter-Imperial  Trade-,  von  -Imperial  Preference.
„  British  Empire  Trade  Marke  u.  a.  ließen  einen  ausgesprochen
  deutschfeindlichen  Unterton  durchklingen.
dessen  Melodie  zum  Leitmotiv  des  englischen  Kaufmanns
  mit  seiner  Hoffnung  auf  den  künftigen  Wirtschaftskrieg
  gegen  Deutschland  geworden  ist.  Englischer
  Postraub  und  die  schamlose  Ausnutzung  der
ergatterten  Handelsadressen  zeigen,  mit  den  Piratenfehden
  des  16.  Jahrhunderts  verglichen,  auch  auf  diesem
  Gebiet  die  Unveränderlichkeit  englischer  Weltpolitik.

Empire  und  Imperialismus  sind  nun  aber  einmal
nicht  ohne  eine  starke,  schlagfertige  Flotten-  und  Landmacht
  auf  die  Dauer  zu  solten  geschweige  denn,  wie
es  Großbritannien  nach  seiner  Vergangenheit  wollen
mußte,  zu  stärken  und  zu  vermehren.  Von  diesem
Gesichtspunkt  aus  hieß  es  auch  in  der  Üüberseeausgabe
der  -  Daily  Maild  vom  14.  März  1914,  am  Schluß
des  Leitartikels  zum  Inter-Dominion  Supplemente,
durchaus  folgerichtig:  „-Eine  weitere  Entwicklungsstufe,
  die  wir  vor  uns  sehen,  ist  das  Wachstum  von
Imperial  Defence-.  Das  bezog  sich  zunächst  auf  die
Frage  einer  Reichsflotte.  Uber  die  Notwendigkeit  war
man  sich  überall  im  englischen  Weltreich  klar  und
einig,  über  die  Art  der  bestmöglichen  Verwirklichung
gingen  die  Stimmen  und  Wege  auseinander.  Im
allgemeinen  wünschte  man  in  England  Zentralisation,
in  den  überseeischen  Besitzungen  dagegen  Dezentralisation.
  Trotzdem  erfolgten  von  seiten  der  letzteren
Beisteuern,  von  Australien  und  Neuseeland  schon  seit
1887.  Im  Jahre  1909  befaßte  sich  die  nach  London
zusammenberufene  -Imperial  Defence  Couferenceerstmalig
  mit  diesem  Problem,  doch  ohne  wirklichen  imperialistischen
  Erfolg.  Günstiger  fiel  die  zweite  Tang
1911  aus,  vielleicht  weil  die  englische  Regierung  dur
die  Admiralität  mit  dem  damaligen  neuen  deutschen
Flottengesetz  drücken  konnte.  Die  aber  auch  hier  nicht
zustande  gebrachte  imperialistische  Einigkeit  ist  durch
den  Weltkrieg  anscheinend  erzielt  worden.  Mit  Men,
Munition,  Money=  sowie  mit  Rohmaterialien  und
Lebensmitteln  haben  die  überseeischen  Besitzungen
Englands  ihre  Solidarität  mit  dem  Mutterlande  bekundet.
  Sie  alle  werden  nach  dem  Kriege  mit  ihren
Lohnforderungen  kommen,  d.  h.  größeren  Anteil  an
der  Reichsregierung  verlangen.  Großbritannien  wird
sie  erfüllen  und  damit  zum  Gleichen  unter  Gleiche
herabsteigen  müssen.

IV.  Die  Methode  der  englischen  Weltpolitik.
Nirgends  herrschte  der  durch  glückliche  Erfolge  gesteigerte
  insulare  Volksegoismus  so  absolut  wie  in  der
Methode  von  Englands  Weltpolitik.  Hatte  sich  schon
als  ihr  Leitsatz  -Our  Countxy,  right  or  wrong.  herausgebildet,
  so  war  eben  tatsächlich  jede  Methode  zur
Erreichung  des  jeweils  gesteckten  Ziels  vom  englischen
Standpunkt  aus  gerechtfertigt,  gleichgültig  ob  sie  sich
mit  den  orderungen  des  Völkerrechts  und  denen  der
Menschlichkeit  und  Anständigkeit  vereinbaren  ließ  oder
nicht.  Aber  die  doppelte  Moral  des  englischen  Puritanertums,
  der  durch  intellektuelle  Mängel  in  seiner
Entwicklung  und  Verbreitung  begünstigte  »cant«,  hat
es  fertiggebracht,  auch  dieser  Art  Methode  einen  ethischhumanitären
  Deckmantel  umzuhängen.  So  wurde
für  die  Gedankenlosigkeit  der  #öffentlichen  Meinungzur
  Hypnotisierung  der  urteilslosen  Massen  in  und
außer  England  das  Schlagwort  von  der  -Bürde  des
Weißen  Mannes=  (White  Man's  Burden)  geprägt.
Rudyard  Kipling,  der  »Poet  Laureate  of  Greater
Britain-,  hat  dies  bekanntlich  in  »The  five  Nations.
(1903)  als  Titel  und  Leitmotiv  eines  pathetischen  Auf-I.

  Politik  und  Geschichte

rufs  zur  Erfüllung  der  imperialistischen  Mission  Englands
  verwandt.  .  Die  Bürde  des  Weißen  Mannes
lastet  besonders  schwer  auf  unserem  Volk-,  ließ  sich
die  -  Times,  noch  in  ihrem  Neujahrsartikel  1914  vernehmen.
  Im  Weltkrieg  hat  diese  Erkenntnis  England
aber  nicht  gehindert,  die  Unterstütung  der  weißen
Engländer=  durch  farbige  Engländere  in  jeder  Form
zu  betreiben.  Der  englische  cant=  nimmt  eben  bisweilen
  die  Bürde  des  Weißen  Mannes.  auf  die  leichte
Achsel.  England  dünkt  sich  infolge  seiner  Herrenart
und  der  beispiellosen  Entwicklung  seiner  Weltmacht  als
das  auserwählte  Volk;  hat  doch  der  Geistliche  D.  B.
Lucas  sogar  unverhüllt  den  Gedanken  verfochten,  daß
Gott  das  englische  Weltreich  zum  Besten  der  Menschheit
  gewollt  habe.  Hieraus  leitete  England  das  göttliche
  Recht  ab,  einerseits  fremde  Völker  »in  seinen
Schut,  zu  nehmen,  d.  h.  ohne  Rücksicht  auf  das  jetzt
1  m  Beispiel  gegenüber  den  Mittelmächten  vertretene

Lationalitätenprinzip  mit  der  englischen  Oberherrschaft
  zu  beglücken,  anderseits  jede  zur  Erfüllung
dieser  göttlichen  Mission  notwendige  Methode  anzuwenden.
  Wurde  diese  Mission  und  Methode  Englands
  in  dem  damit  beglückten  Lande  nicht  gebührend

ewürdigt,  wie  beispielsweise  in  Irland,  Indien  oder

gypten,  so  galt  das  vom  englischen  Standpunkt  aus
als  schnöde  Undankbarkeit  für  die  Segnungen  britischer
  Kulturk.

Die  Art  der  englischen  Methode  war  in  äußerst  geschickter
  Anpassung  an  die  jeweiligen  Bedürfnisse  von
Zeit  und  Umständen  und  in  roffinierter,  zum  Teil
monopolartiger  Ausnutzung  neuer  Erfindungen  eine
außerordentlich  vielseitige,  aber  stets  folgerichtige  und
auf  das  Endziel  bedachte  und  bis  in  die  Zeiten  der
deutschen  Einigung  nach  dem  Krieg  1870/71  auch  fast
immer  erfolgreiche  gewesen.  Da  bisher  der  Kampf
um  koloniale  Stützpunkte  und  Siedlungskolonien  im
wesentlichen  auf  dem  Boden  des  europäischen  Festlandes
  ausgefochten  wurde,  verfolgte  die  englische
Weltpolitik  hier,  wie  die  oben  slizzierte  Entwicklung
andeutet,  den  Gedanken  der  Unschädlichmachung  des
jeweils  stärksten  Gegners,  dies  aber  weniger  durch
direkte  eigene  Bekämpfung,  als  vielmehr  dadurch,  daß
England  gegen  diesen  eine  Vereinigung  von  schwächeren
  Staaten  des  Kontinents  unter  seiner  Führung
zusammenbrachte.  Auch  hier  mußte  ein  Schlagwort
herhalten,  nämlich  die  hochtönende,  Sand  in  die
Augen  streuende  Phrase  von  der  =  Aufrechterhaltung
des  europäischen  Gleichgewichts  .  Während  sich  die
Kontinentalvölker  so  nach  dem  nie  versagenden  englischen
  Rezept  gründlich  bekämpften  und  zermürbten,
besorgte  England  seinerseits  fern  vom  Schuß  im
Mittelmeer  oder  außerhalb  Europas  sozusagen  ungestört
  die  Geschäfte  seiner  imperialistischen  Weltpolitik.
  Wenn  es  erforderlich  war,  konnte  es  sich  auch
den  gegenüber  kontinentalen  Kontrahenten  eingegangenen
  Verpflichtungen  deshalb  leicht  entziehen,  weil
ihm  das  parlamentarische  System  ein  „Revirementund
  damit  eine  völlige  Verleugnung  der  kurz  vorher
  befolgten  Politik  und  der  gegebenen  Versprechungen,
  besonders  der  in  unverbindlicher  Form,  gestattete
(vgl.  z.  B.  England  und  Friedrich  der  Große).

Gegen  den  jeweiligen  Gegner  trat  England  mit
allen  erlaubten  und  unerlaubten  Mitteln  auf.  Bor

1  „The  Britlah  Empire  and  Imperial  Federationse  (Toronto
  1907).

2  Bal.  z.  B.  Lord  Cromer,  Modern  Egypt  Condb.  1908.
2  Bände).