356 Beutsches Reich. (März 29.)
der Verlauf der außerordentlichen Tagung ein würdiger, der ernsten Zeit
durchaus angemessener war. Die Mitglieder der Kammer waren von dem
ernsten Bestreben geleitet, der Kriegsnot entgegenzuarbeiten und die schwierige
Lage der Mitbürger tunlichst zu erleichtern. Möge das einträchtige Zusammenarbeiten
der Mitglieder aller Parteien in dieser Tagung sich auch
auf künftige Sessionen ausdehnen. Ein glänzendes Zeichen unerschütterlicher
Siegeszuversicht ist der einstimmige Beschluß auf Projektierung des neuen
Großschiffahrtsweges. Es ist dies die Einleitung eines bedeutungsvollen,
weit über die Grenzen Bayerns hinausgehenden Werkes mitten im Krieg.
Die Kammer der Reichsräte stimmt zunächst den Anträgen der
Abgeordnetenkammer über kriegswirtschaftliche Fragen zu.
Dabei führt Kriegsminister v. Hellingrath aus: Die Dankbarkeit
des deutschen Volkes für die gewaltigen Leistungen unserer Streitkräfte
hat auch in diesem Hause Widerhall gefunden. Ich danke für die Anerkennung,
die unserem herrlichen Heer und seinen Führern gezollt worden
ist. Ich kann diesen Dank in keine bessere Form kleiden als in die Versicherung,
daß unsere Truppen mit stolzer Zuversicht und mit dem festen
Gefühl innerer Ueberlegenheit den Aufgaben entgegenblicken, die die Zukunft
ihnen stellen wird. Ich kenne den Geist der Truppe aus dem engen Zusammenleben
mit ihr in langer Kriegszeit und bin deshalb berechtigt, diese
Versicherung auszusprechen. Freudiger als seit langer Zeit können wir heute
den kommenden Ereignissen entgegensehen. Im Westen scheint die im Schützengraben
erstarrte Kriegführung ihren Meister gefunden zu haben. Ein genialer
chachzug unserer Obersten Heeresleitung hat die Pläne des Feindes durchkreuzt
und uns die Freiheit des Handelns wiedergegeben. Im Osten ist
Altes gestürzt, Neues noch nicht aufgebaut, ein dichter Schleier liegt über
der Zukunft. Auf und unter dem Meeresspiegel aber leisten unsere U-Boote
ihre schwere Arbeit, die den zähen Willen Englands brechen soll und brechen
wird. Der Glaube an uns selbst wird uns die Kraft verleihen, Sieger zu
bleiben in den Entsagungen der Heimat und in den Kämpfen an allen Fronten.
Ferner wird ohne Debatte den Anträgen betr. Uebergangswirtschaft
((. S. 309) und Hausbesitz (s. S. 328), der Abänderung des Umlagenges. (s. S. 328)
und dem Notges. über die Aussetzung der Gemeindewahlen (s. S. 311) zugestimmt.
29. März. (Bundesrat.) Es gelangen zur Annahme:
Der Entw. e. Bek. betr. Anbau von Frühgemüse auf Tabakfeldern und
e. Bek. betr. Unfallversicherung von Angehörigen feindl. Staaten.
29. März. (Reichstag.) Notetat. Dritte Lesung der Steuervorlagen.
Beginn der zweiten Lesung des Haushaltes des Reichskanzlers,
der Reichskanzlei und des Auswärtigen Amts.
Das wegen der Verzögerung der Etatsberatung über den 1. April
hinaus erforderliche Etatnotgesestz, das den Reichskanzler ermächtigt, für
die Monate April bis Juni die laufenden Ausgaben des Reiches weiter zu
leisten, wird in allen drei Lesungen ohne Aussprache gegen die Stimmen
der beiden soz. Fraktionen angenommen.
Vor der Abstimmung gibt Abg. Bernstein (Soz. Arb.) folgende Erklärung
ab: Der Krieg, der Europa zerfleischt, ist der Ausfluß der Politik
fortgesetzter Rüstungen, die wir stets bekämpft haben. Wie sehr dadurch das
Mißtrauen der Demokratie in der ganzen Welt gegen das Deutsche Reich
erregt wurde, ist für niemand mehr ein Geheimnis. Durch Maßnahmen in
den besetzten Gebieten, die mit den Regeln des Völkerrechts in schroffem
Widerspruch stehen, sowie durch die Art der Führung des uneingeschränkten
Tauchbootkrieges hat man dieses Mißtrauen noch verschärft und die Zahl