Full text : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

Münchengrätz  und  Gitschin.  287

sollte,  einführte,  trotz  des  Widerspruchs  der  in  den  bisherigen  Formen  ergrauten
  Generale.  Jetzt  an  die  Spitze  einer  ganzen  Reiterdivision  gestellt,
träumte  der  heißblütige  Mann  von  einem  Siegesrennen  bis  in  die  Marken
hinein.  Bei  Gitschin  fand  er  jedoch  keine  Gelegenheit,  zu  zeigen,  was  er  auszurichten
  vermochte,  ja  er  mußte  es  sogar  erleben,  daß  vom  preußischen  Leibregiment
  einige  Abteilungen  gegen  die  Angriffe  seiner  leichten  Reiterei  nicht
einmal  Karree  formierten,  sondern  sie  in  Schützengruppen  und  Kompaniekolonnen
  nur  mittels  ihres  Schnellfeuers  zurückschlugen.  Bei  Potulsk  gerieten
  seine  Husaren  in  ein  arges  Gedränge,  was  unser  damals  an  Ort  und
Stelle  gewesener  Zeichner  auf  S.  285  zur  Anschauung  gebracht  hat.  Wie
der  Schimmer  der  Uberlegenheit,  welcher  bisher  die  österreichische  Reiterei
umgab,  sehr  schnell  erlosch,  so  auch  der  Glaube  an  die  Gewalt  des  Bajonetts,
worauf  sich  die  österreichische  Armee  bisher  so  viel  zu  gute  gethan  hatte.

Prinz  Friedrich  Karl  hatte  eine  pommersche  und  eine  brandenburgische
Division,  von  ihrer  Kavallerie  unterstützt,  zum  Angriff  auf  Gitschin  bestimmt.
Dort  entwickelte  sich  eines  der  blutigsten  Gefechte  in  diesem  Kriege.  Die  erste
Brigade  der  Pommern  rückte  unter  furchtbaren  Verlusten  vor,  die  Brandenburger
  hatten  steile  Berge  zu  erstürmen;  einzelne  Leute  sollen,  um  besser
klettern  zu  können,  die  Stiefel  ausgezogen  haben,  nachdem  auch  das  Gepäck  der
großen  Hitze  wegen  schon  abgelegt  war.  Besonders  die  vortreffliche  sächsische
Artillerie  that  den  Stürmenden  vielen  Schaden.  Erst  gegen  Abend  wandte
sich  das  Schlachtenglück  zu  gunsten  der  Preußen.  Nun  kam  auch,  als  die
feindliche  Infanterie  auf  und  davon  eilte,  für  die  Blücher-Husaren,  welche  auf
ewige  Zeiten  den  Namen  ihres  alten  Kommandeurs  führen,  die  ersehnte  Verwendung;
  sie  erhielten  Gelegenheit,  derb  einzuhauen  und  zahlreiche  Gefangene
zu  machen.

Die  Blutarbeit  war  indessen  am  sinkenden  Abend  nicht  vollendet;  noch
mußte  die  Stadt  genommen  werden.  Es  kam  dabei  zu  einem  Straßengefecht,
das  sich  bis  nach  Mitternacht  hinzog  und  hier  und  da  auch  von  den  Bürgern
der  Stadt  mit  unterhalten  wurde.  Doch  ehe  noch  die  kurze  Sommernacht  sich
zum  Scheiden  neigte,  befand  sich  Gitschin  in  den  Händen  der  Preußen.

Mittels  wohlberechneter  Bewegungen  war  im  Verlaufe  einer  Woche  die
Verbindung  der  aus  Sachsen,  Nieder=  und  Oberschlesien  in  das  Herz  von  Böhmen
eindringenden  drei  preußischen  Heersäulen  hergestellt  und  gesichert  worden.  Die
Elbarmee  hatte  sich  mit  der  I.  Armee  vereinigt,  und  um  die  Verbindung  mit
der  II.  Armee  zu  suchen,  ließ  Prinz  Friedrich  Karl  das  erste  Gardedragonerregiment
  einen  Gewaltritt  zur  Armee  des  Kronprinzen  ausführen,  wobei  es
zwanzig  Stunden  im  Sattel  geblieben  ist.

Nunmehr  stand  die  Entscheidungsschlacht  bevor.

Dem  Grafen  Clam-Gallas  war  in  Benedeks  Schlachtbericht  die  Schuld
beigemessen  worden,  daß  sich  die  ganze  österreichische  Armee  rückwärts  bei  Königgrätz
  konzentrieren  mußte.  Infolge  dieser  Meldung  wurde  er  seines  Kommandos
enthoben;  doch  hat  die  über  ihn  verhängte  kriegsgerichtliche  Untersuchung  den
Ungrund  jener  Beschuldigung  dargethan.  Von  den  sieben  Armeekorps  der
Hauptarmee  waren  fünf,  die  unter  Benedeks  Oberleitung  operierten,  einzeln