Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiter Jahrgang. 1886. (27)

32  Naos  deutsche  Keich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  28—30.)

ergeben,  daß  infolge  der  außerordentlichen  Nachsicht  der  preußischen  Behörden
die  Schullasten  unserer  eingeborenen  Gemeinden  sich  erhöht  haben,  weil  die
Kinder  der  lästigen  Einwanderer  beschult  wurden.  Aber  dies  brauche  ich
nicht  als  Vorwand,  sondern  ich  bezeichne  die  Ausweisung  als  eine  politische
Maßregel:  wir  wollen  die  fremden  Polen  los  sein,  weil  wir  an  unseren
eigenen  genug  haben.  (Bravol!  rechts.)

Deshalb  werden  wir  auch  an  dieser  Maßregel  mit  unablässiger  Energie
festhalten  und  sind  über  dieselbe  mit  unserem  Nachbar  drüben  völlig  einig.
Es  könnten  noch  zwanzig  Reichstagsbeschlüsse,  in  der  Art  in  die  preußischen
Gerechtsame  übergreifend,  gefaßt  werden,  das  wird  uns  nicht  ein  Haar  breit
irre  machen  in  unseren  Entschließungen.  (Lebhaftes  Bravo  rechts.)

Die  Gefahren,  die  wir  in  Posen  hauptsächlich  zu  befürchten  haben,
sind  nicht  so  zahlreich,  wie  die  Ziffer  von  zwei  Millionen  anzeigt;  ich  habe
schon  vorhin  gesagt,  daß  fast  die  Hälfte  dieser  zwei  Millionen  in  Schlesien
wohnt,  wo  wir  doch  heute  noch  ohne  einen  einschneidenden  Beistand  der  Sache
gewachsen  sind;  aber  in  der  Provinz  Posen  und  in  den  polnischen  Teilen
von  Westpreußen  beruht  das  Widerstreben  gegen  die  Assimilierung,  gegen  das
Zusammenwirken  mit  Deutschen,  die  Vertiefung  der  Kluft,  die  beide  Nationen
trennt,  doch  fast  ausschließlich  auf  dem  Adel.  Denn  —  wie  auch  schon  das
Grolman'sche  Elaborat  sagt  —  der  Adel  mit  seinem  Gefolge,  mit  seiner  zahlreichen
  Dienerschaft,  mit  seinen  Dworniks  und  seinen  Beamten  liefert  hauptsächlich
  die  Elemente  zur  Unterhaltung  der  Agitation.

Nun  besitzt  der  polnische  Adel  im  Großherzogtum  Posen  gegenwärtig
noch  etwa  650,000  Hektare.  Der  Hektar  der  Königlichen  Domänen  bringt
im  Regierungsbezirk  Posen  20  “  Pacht  ein.  Das  ist  durchschnittlich  reiner
Acker  und  Wiese:  wenn  man  Haide  und  Wälder  und  Unland  mit  hinzurechnet,
so  vermute  ich,  daß  diese  650,000  Hektare  im  ganzen  doch  nur  einen  Ertragswert
  von  15  4  für  den  Hektar  haben  werden,  also  von  5  Thalern,
also  5  Thaler  Rente.  5  mal  600,000  wären  3  Millionen,  das  wären  3  Prozent
  von  100  Millionen  Thalern.  Nun  fragt  sich,  ob  Preußen  in  seinem
und  des  Deutschen  Reiches  Interesse  nicht  unter  Umständen  in  der  Lage  sein
könnte,  100  Millionen  Thaler  auszugeben,  um  die  Güter  des  polnischen  Adels
dafür  zu  gewinnen,  —  kurz  und  gut,  um  den  Adel  zu  expropriieren.  (Ohol)
Das  klingt  ungeheuerlich,  aber  wenn  wir  für  eine  Eisenbahn  expropriieren
und  die  Häuslichkeit  stören,  Häuser  und  Kirchhöfe  durchbrechen,  lediglich  zur
Bequemlichkeit  der  Eisenbahngesellschaft,  wenn  wir  expropriieren,  um  eine
Festung  zu  bauen,  um  eine  Straße  in  der  Stadt  durchzuschlagen,  wenn  wir
ganze  Stadtviertel  expropriieren,  wie  in  Hamburg,  um  einen  Hafen  zu  bauen,
Häuser,  die  seit  Jahrhunderten  stehen,  abbrechen:  warum  soll  dann  nicht  unter
Umständen  ein  Staat,  um  seine  Sicherheit  für  die  Zukunft  zu  erkaufen  und
die  Unruhe  loszuwerden  —  ist  die  Sicherheit  nicht  ein  höherer  Zweck,  als
der  Verkehr,  ist  die  Sicherheit  für  die  Gesamtheit  nicht  ein  höherer  Zweck,
wie  die  Befestigung  eines  einzelnen  festen  Platzes?  —  warum  soll  denn  nicht
ein  Staat  unter  Umständen  zu  diesem  Mittel  schreiten?  Es  wird  ja  keine
Ungerechtigkeit  verlangt,  es  soll  nach  dem  vollen  Werte  bezahlt  werden,  und
die  Herren  würden  vielleicht  zum  Teil  sehr  vergnügt  sein,  mit  dem  Gelde,
was  sie  dafür  bekommen,  sich  in  Galizien  anzukaufen  oder  jenseits  der  russischen
  Grenze,  da  sind  sie  viel  mehr  unter  sich,  und  es  würden  auch  viele
von  ihnen  vorziehen,  mit  diesem  Vermögen  sich  nach  dem  Westen  zu  begeben,
nach  Paris  oder  nach  Monaco.  (Heiterkeit.)

Meine  Herren,  also  so  ganz  ungeheuerlich,  wie  es  auf  den  ersten  Anblick
  erscheint,  ist  das  nicht.  Auch  die  Kosten  sind  nicht  so  groß;  ich  bin
überzeugt,  der  Domänenfiskus  würde  nicht  sehr  viel  dabei  verlieren,  und  wenn
er  dabei  10  Prozent  verliert,  so  glaube  ich,  könnte  man  in  dem  Bewußtsein,