Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiter Jahrgang. 1886. (27)

30  Faos  deuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  28—30.)

mich  in  den  Kulturkampf  hineingezogen  hat,  das  ist  Herr  Krätzig,  der  Vorsitende
  der  katholischen  Abteilung,  derjenigen  Abteilung,  die  innerhalb  der
preußischen  Bureaukratie  die  Rechte  des  Königs  und  der  Kirche  zu  wahren
gebildet  war,  die  aber  ausschließlich  eine  Thätigkeit  in  der  Richtung  entwickelte,
  daß  sie  die  Rechte  der  römischen  Kirche  sowohl,  wie  namentlich  aber
die  polnischen  Bestrebungen  gegenüber  dem  König  mit  seiner  Autorität  und
unter  seinem  Siegel  wahrnahm.  Und  deshalb  mußte  sie  aufgelöst  werden.
(Oho!  im  Zentrum  und  bei  den  Polen.)

Eine  zweite  Erklärung  für  den  Fortschritt  der  Polen  liegt  in  der
Leichtigkeit,  die  sie  für  die  Agitation  durch  die  Einführung  der  Reichsverfaskung
  und  der  Reichsgesetze  über  Presse  und  Vereine  gewonnen  haben.  Die
polnischen  Herren  find  nicht  schüchtern  gewesen  in  der  Ausbeutung  aller  der
Gesetze,  die  im  Deutschen  Reiche  und  in  Preußen  gegeben  waren.  Sie  erkennen
  sie  ihrerseits  nicht  an:  sie  erkennen  ihre  Zugehörigkeit  zu  Preußen
nur  auf  Kündigung  und  zwar  auf  24stündige  Kündigung  an;  wenn  sie  heute
Gelegenheit  hätten,  gegen  uns  vorzugehen,  und  stark  genug  wären,  so  würden
sie  nicht  einmal  gegen  24stündige  Kündigung,  sondern  ohne  Kündigung  losschlagen.
  (Große  Unruhe  bei  den  Polen.)  —  Ja,  meine  Herren,  ist  einer
von  Ihnen,  der  sein  Ehrenwort  darauf  geben  kann,  daß  das  nicht  wahr  ist,
(große  Helereih  daß  alle  die  Herren  zu  Hause  bleiben  werden,  wenn  die
Gelegenheit  sich  bietet,  mit  ihren  Banderien  auszurücken,  —  dann  will  ich
meine  Behauptung  zurücknehmen;  aber  das  Ehrenwort  verlange  ich.  (Heiterkeit.)
  Und  daß  Sie  mir  einreden  wollen,  das  wäre  ein  Irrtum  —  meine
Herren,  so  dumm  sind  wir  wirklich  nicht,  ich  wenigstens  nicht.  (Heiterkeit.)

Also  das  Zweite  ist  eben  die  reichliche  Agitationsmöglichkeit,  welche
die  Reichsgesetze  geben,  und  die  für  die  deutschen  Abgeordneten  im  Reich  ein
Bedürfnis  war,  um  mit  den  nötigen  Kampfmitteln  gegen  die  eigene  Regierung
  ausgerüstet  zu  sein.  Gerade  in  dieser  Abneigung,  in  diesem  für  alle
deutschen  Generationen  vielleicht  traditionellen  Bedürfnis  des  Kampfes  und
der  Kritik  gegen  die  eigene  Regierung  finden  die  Polen  wiederum  eine  sehr
kräftige  Anlehnung.  Sie  eignen  sich  alles  an,  was  von  irgend  einer  Seite
der  preußischen  Regierung  vorgeworfen  wird,  weil  deren  Schwächung  ja  das
erste  ist,  was  sie  hier  innerhalb  der  preußischen  Grenzen  überhaupt  zur  Realisierung
  und  Wiederherstellung  der  polnischen  Republik  zu  leisten  haben.

Dann  hat  ihnen  die  Reichsverfassung  eine  starke  Anlehnung  an  verschiedene
  Parteien  gegeben,  die  ihrerseits  ebenfalls  bereit  sind,  die  Regierung
unter  allen  Umständen  zu  bekämpfen;  in  dieser  Negative  findet  sich  ja  eine
beträchtliche  Anzahl,  unter  Umständen  sogar  die  Majorität  im  Reichstage  zusammen,
  eine  Moajorität,  die  ganz  unfähig  ist,  eine  positive  Regierung  zu
bilden,  eine  Majorität,  deren  leitende  Prinzipien  in  den  letzten  Fällen,  die
vorlagen,  von  der  polnischen  und  von  der  sozialdemokratischen  Fraktion  bestimmt
  wurden  und  allenfalls  noch  von  den  übrigen  —  ich  kann  wohl  sagen
fenischen,  nihilistischen  Fraktionen,  —  womit  ich  keine  kränkende  Bezeichnung
brauchen  will;  ich  meine  nur  eine  Fraktion,  die  unter  allen  Umständen  die
jetzige  Regierung  nicht  nur,  sondern  die  jetzigen  Reichseinrichtungen  negiert
und  die  nicht  will,  eine  Fraktion,  auf  welche  ich  ein  Sprüchwort  anwenden
möchte,  das  mir  aus  meiner  Zeit  als  Deichhauptmann  in  der  Erinnerung
ist:  wat  nich  will  dieken,  dat  mut  wieken,  was  nicht  will  deichen,  das  muß
weichen;  wer  nicht  mitarbeiten  will  an  dem  Staat  zu  seinem  Schutz,  der  gehört
  nicht  zum  Staat,  der  hat  keine  Rechte  an  den  Staat:  er  soll  weichen
aus  dem  Staat.  So  barbarisch  sind  wir  nicht  mehr,  daß  wir  die  Leute  austreiben,
  aber  es  wäre  eigentlich  die  gerechte  Antwort  gegen  alle  diejenigen,
die  den  Staat  und  seine  Einrichtungen  negieren,  daß  ihnen  auch  ihrerseits
der  staatliche  Schutz  in  allen  Beziehungen  entzogen  werde,  desjenigen  Staatés,