Full text : Tägliche Erinnerungen aus der sächsischen Geschichte.

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es  in  Sachsen  unter  der  Ministerherrschaft  des  Grafen  Bruͤhl,  von
1740  bis  1756,  wo  alle  Schriften  streng  bewacht,  sehr  viele  Briefe
aufgefangen  und  aufgebrochen  wurden  und  auch  das  unbedeutendste,
zweideutige  Wort  ins  Gefaͤngniß  oder  auf  den  Koͤnigstein  fuͤhrte.  So
war  es  aber  auch  wieder  in  den  Tagen  der  franzoͤsischen  Herrschaft,
von  1807  bis  1813.  Der  heutige  Tag  erinnert  uns  vorzugsweise
an  die  empoͤrende  Knechtschaft,  in  welcher  Worte  und  Handlungen
damals  standen.  Denn  den  28.  November  1811  ward  ein  geschärftes
  Geseb  ausgegeben,  daß  alle  gedruckten  Werke  der  strengsten  Untersuchung
  unterliegen  und  alle  etwa  auffälligen,  freisinnigen  oder  tadelnden
Aeußerungen  scharf  geahndet  werden  sollten.  Ueberall  im  Lande  spähten
  französische  Spione,  zu  welchem  Geschäft  sich  auch  leider  mancher
Sachse  hergab;  überall  wurde  die  Correspondenz  (der  Briefwechsel)
ängstlich  bewacht,  und  die  Briefe  wurden  erbrochen;  Männer,  die  sich
nur  irgend  ein  freimüthiges  Wort  erlaubt  hatten,  wurden  unter  Aufsicht
  gestellt,  oder  fortgeführt,  oder  —  wie  es  wenigstens  in  Baiern
mit  dem  Buchhändler  Palm  geschah  —  vom  Kriegsgericht  zum  Tode
verurtheilt.  Unsere  Zeitung  in  Leipzig  durfte  nur  melden,  was  für
die  französischen  Gewalthaber  angenehm  oder  belobend  war.  An  den
öffentlichen  Vergnügungsorten  sah  man  Freunde  gruppenweise  beisammensiben
  und  über  die  unschuldigsten  Dinge  heimlich  sprechen,  weil
auch  ins  unbefangenste  Gespräch  sich  doch  vielleicht  ein  verfängliches
Wort  mischen  konnte.  Eltern  und  Freunde  hörte  hörte  man  täglich
mahnen,  ja  die  Zunge  zu  bewahren  und  stillzuschweigen  damit  nicht
Unheil  und  Untersuchung  daraus  entstehe.  Kurz,  es  war  eine  Zeit,
wo  nur  die  Waffen  klirrten,  die  Geister  aber  in  Schlaf  gebannt  wurdenz
  eine  Zeit,  wo  man  nur  auf  den  Wink  gehorchen,  schaffen,  leisten
mußte,  nicht  aber  zu  fragen  wagen  durfte;  eine  Zeit,  wo  Geistesaufflug
  und  Wissenschaft  gehemmt,  Verrätherei  aber  und  Spionenwesen
gefördert,  Gemein=  und  Brudersinn  getödtet  wurde.  Möge  solche
Trauerzeit  nie  wiederkehren!  Mögen  des  Landes  Fürsten  nie  wieder
in  so  knechtische  Abhängigkeit  von  einem  Mächtigen  gerathen,  der  das
Fortbestehen  seiner  flüchtigen  Erdenherrschaft  in  Geisteslähmung  und
Gewissenszwange  zu  finden  wähnt!

29.  November.

Drinz  Lieschen.

Als  im  Jahre  1717  der  Sohn  August's  des  Starken  noch  als
Kurprinz  auf  Reisen  war,  unterstand  sich  eine  arme  Zeugmacherstoch-