cb####cDie deutsche Seele 3.## chpo# 3
befinden uns in einem Saale, der geschmückt ist durch
die hervorragenden Gemälde von Edvard Munch. JIch
weiß, daß diese Gcmälde bei Ihnen sehr umstritten sind
und begreife das durchaus, denn sie sind durchaus nicht
„klassisch". Sie widersprechen der Tradition. Sie erscheinen
dem gutgeschulten Auge des Liebhabers älterer
Künste als ein unvollkommener Versuch, auf neuem
Wege ein Bild der Welt und des Menschen zu geben.
Wenn man an dieselbe Stelle Gemälde gesetzt hätte,
die mit einer guten und klaren Technik sich in der Tradition
der bewährten alten Kunst bewegt hätten, so würde
eine Befriedigung ohne Unruhe eingetreten sein. Denn
man würde dann den störenden Eindruck einer noch
unabsehbaren neuen Entwickelung vermieden haben. Aur
soll man dabei nicht außer acht lassen, daß, wenn zu
allen Zeiten auch die früheren Künstler ebenso auf die
Erhaltung der Ruhe bedacht gewesen wären, überhaupt
niemals klassische Werke entstanden wären. Denn auch
das, was wir heute als klassisch bezeichnen, war in seinem
Entstehen eine Keckheit und ein Wagnis. Auch Michel
Angelo war einmal beunruhigend, und zwar im Geitalter
seiner eigenen Zeitgenossen. Dasfelbe gilt von
Rembrandt, an den sich bis heute noch nicht alle Beschauer
gewöhnen konnten. Erst im Verlaufe der Zeit
erhielten seine hervorragenden Gemälde für das Auge
diejenige Einheitlichkeit und Selbstverständlichkeit, daß
sie der allgemeinen Anerkennung sicher sind.
Nach meinem Gefühl steht die deutsche Kultur
beute in der Menschbeit ähnlich umstritten wie die
Gemälde Edvard Munchs in diesem Saale. Oas Urteil