Full text : Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge.

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der  durch  die  schlagende  Berührung  mit  dem  grünen  saftigen  Zweige
die  Gespenster  des  Mißwachses  und  der  Krankheit  vertrieb  und  Frucht—
barkeit  hervorrief“  (Mannhart,  S.  251).

Nach  Spieß  (64)  ritt  in  R.  und  in  Pö.  zuweilen  ein  Bursche
auf  dem  andern,  der  auf  allen  Vieren  ging  und  in  Form  eines  Tieres
ausgestopft  war.  Als  Roß  und  Reiter  zogen  beide  unter  Begleitung
der  Jugend  von  Haus  zu  Haus.  Ebenso  erwähnt  Spieß  noch  das
Fastenbeten.  An  vielen  Orten  war  es  Sitte,  daß  am  Fastuachtsdienstag
  die  Schulkinder  der  oberen  Klassen,  sowie  die  erwachsene
Jugend  bis  zum  18.  oder  20.  Jahre  in  der  Kirche  oder  in  der  Schule
sich  versammelten,  wo  der  Geistliche  eine  Katechese  hielt  und  vorher  einen
Psalm  und  ein  Gesangbuchslied  überhörte.  Nach  dieser  Feier,  der  auch
die  Eltern  der  Beteiligten  und  andere  Gemeindeglieder  beiwohnten,
wurden  die  Kinder  mit  Brezeln  beschenkt.

Als  Fastnachtsspeisen  sind  weithin  üblich  Erbsen,  Sauerkraut,
geräuchertes  Fleisch  und  Kartoffeln;  früher  gab  es  sieben=  oder  neunerlei
Gerichte  wie  am  h.  Abend.  Das  typische  Gebildbrot  der  Fastenzeit
ist  die  Brezel,  das  rohe  Abbild  der  gekreuzten  Arme,  die  ihrer  ganzen
Form  nach  an  den  Totenkult  erinnert.  Gleich  der  Ringform  vieler
unserer  Christbaumfiguren  ist  sie  nach  den  Darlegungen  Höflers  aufzufassen
  als  Stellvertretung  des  bronzenen  Totenschmuckes,  den  man  dem
Toten  mit  ins  Grab  legte  (Seite  127).  In  A.  werden  die  Fastenbrezeln
aus  Wasserteig  von  Hohenneujahr  bis  Ostern  gebacken,  bis  1861  jedes
Jahr  nur  von  einem  Bäcker,  dessen  Name  im  Annaberger  Wochenblatte
bekannt  gegeben  wurde.  Die  Austräger  machten  mit  Brezelschnarren,
seit  1859  durch  Papagenopfeifen  auf  ihre  Ware  aufmerksam.  Außer
Brezeln  sind  Pfannkuchen  ein  beliebtes  Fastengebäck,  die  in  A.  in
der  Hauptsache  von  Michaelis  bis  Ostern  gebacken  werden.  Man
trinkt  Warmbier,  um  kräftig  zu  bleiben  (A.  987),  nach  Spieß:  sonst
sterbe  man  im  selbigen  Jahr.  Wer  viel  Butter  ißt,  den  stoßen  die
Kühe  (v.  97).

Verloren  haben  sich,  wie  es  scheint,  die  Bräuche,  die  sich  auf  die
Haustiere  erstrecken;  denn  nicht  ein  einziger  der  von  Spieß  erwähnten
(76—79)  ist  mir  während  meiner  langjährigen  Sammelarbeit  bekannt
geworden.  Er  schreibt:  „Die  Kühe,  Ochsen,  Pferde  bekommen  abends
jedes  ein  Stück  Brot,  auf  welches  sogenanntes  Bockauer  Gesundheitspulver,
  mit  Salz  vermengt,  gestreut  ist,  damit  dieselben  stark  und  gesund
bleiben  (R.).  Man  führe  das  Vieh  nicht  aus  dem  Stall,  weil  man
sonst  keinen  glücklichen  Kauf  tut  (A.,  R.).  Vor  Sonnenaufgang  füttere
man  die  Hühner  innerhalb  eines  Reifens  oder  flechte  aus  Stroh  ein
Hühnernest  und  stecke  es  dreimal,  indem  man  sagt:  „Bleib  beim  Haus,
wie's  Bein  beim  Leib“,  durch  die  Beine,  dann  verlegen  die  Hennen  die
Eier  nicht  (Fr.,  Ma.).  Nach  dem  Abendessen  oder  um  Mitternacht  verstutzt
  man  den  Hühnern  Flügel  und  Schwanz  (S.,  R.).“

Ebenso  ist  mir  keiner  der  folgenden  Bräuche,  die  in  Beziehung
zum  Flachs  und  den  Obstbäumen  stehen,  zur  Kenntnis  gekommen.  „Man