Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 317
die großbritannische Politik ein, als Rußland im fernen Osten geschlagen
worden war. Oer Zar und die Peteroburger Regierung erbielten von
London aus Mitteilungen und Winke, daß Rußland nunmehr seine Kräfte
brauchen möge, um seine Stellung in der Türkei und auf der Balkanhalb-
insel zu stärken, Großbritannien werde ihm nicht im Wege sein. Oie bri-
tische Politik hatte schon 1905 in diesem Sinne auf der Balkanhalbinsel mit
Erfolg zu arbeiten versucht; wir kommen hierauf in anderem Zusammen-
hange noch zurück. An dieser Stelle soll nur hervorgehoben werden, daß
der Orient und die Balkanhalbinsel in gewissem Sinne den politischen
Angelpunkt für die britisch-russische Berständigung gebildet haben. Sieht
man jenen Vorgang im großen, so zeigt sich, daß es der großbritannischen
Staatskunst mit einer vorbildlichen Zielsicherheit und Geschicklichkeit ge-
lungen war, Rußland als Gegner im fernen Osten durch eine dritte Macht,
Japan, beseitigen zu lassen, um dasselbe Rußland im nahen Osten als
Helfer und als Werkzeug der großbritannischen, gegen Deutschland ge-
richteten Politik wieder zu erwecken und sich zu verbinden. Die weitere
Konsequenz für Großbritanniens Politik war nunmehr die Stärkung Ruß-
lands nach innen und nach außen. Dieses erkannten nicht nur König Eduard
und Sir E. Grey, nicht nur Herr Campbell-Bannerman, sondern die ge-
samte großbritannische Presse mit Ausnahme doktrinärer Sozialistenorgane.
Das war die große Bedeutung des großbritannisch russischen Alb-
kommens vom Zahre 1907. Sie räumte, abgesehen allein vom Oreibunde,
mit der von Bismarck geschaffenen europäischen Gruppierung auf. Die
unmittelbare Folge bildete ein weiteres Sinken des deutschen Ansehens
und ein entsprechendes Steigen des großbritannischen Nimbus. Alle
Welt wußte und hatte mit angesehen, wie Großbritanniens Politik und
Diplomatie weitschauend und geschickt von den verschiedensten Seiten mit
allen denkbaren Mitteln auf die Isolierung und Einkreisung des Oeutschen.
Reiches hinarbeitete und wie die deutsche Politik außerstande war, diesen
Bemühungen erfolgreich zu begegnen und schließlich durch den Mund des
Deutschen Reichskanzlers offen diese Machtlosigkeit zugab.
König Eduard und die Staatomänner der großbritannischen Re-
gierung begnügten sich nicht mit dem französischen und russischen Einver-
nehmen, sondern begriffen ebenso klar die große Wichtigkeit der mittleren
und kleinen europäischen Staaten für ihre gegen Deutschland gerichtete
Politik. Zur selben Zeit, als das englisch-russische Abkommen wennschon-
noch nicht unterzeichnet, so doch beschlossene Sache war, wie auch das Ein-
vernehmen zwischen den beiden Mächten bereits bestand, unternahm König
Eduard eine Reise nach dem Mittelländischen Meere und besuchte am
8. April, dem Zahrestage des englisch-französischen Abkommens über Ma-
rokko, König Alfons von Spanien zu Carthagena. Den unmittelbaren An-