Orientpolitik und Boenische Krisie. 351
solchen Ausbau der österreichischen Stellung auf der Balkanhalbinsel.
Die Bahn ging durch den Sandschak Nowibasar und südlich von ihm ge-
legene Teile der europäischen Türkei, in denen auch Serben wohnten,
der also zum künftigen Großserbien gehören sollte. Der Sandschak Nowi-
basar war nach Bo#ênien, Montenegro und der Küste wichtig. Sollte
dort in Zukunft österreichischer Einfluß verewigt werden, so war der
großserbische Traum ausgeträumt. Ungünstiger stand es dann auch mit
der Hoffnung auf den Zerfall Österreich-Ungarns, den man sich als nahe
bevorstehend dachte. Auch hierfür war schon ein Programm vorhanden,
und zwar ein solches Petersburger Ursprunges: die nach außen ohnmäch-
tige Doppelmonarchie werde zerrissen durch den Hader der Nationali-
täten, deren jede ein besonderee Zentrum bilde und bilden wolle. Die
Slawen Österreich-Ungarns — so hieß es — wünschten nichts sehnlicher
als die Bereinigung mit ihren Brüdern im Süden. 1906 schrieb die in
Parie erscheinende „Revue Slave“: sämtliche Slawen in Mitteleuropa
und auf der Balkanhalbinsel müßten nach einem großen Zollvereine mit
Rußland, den Madjaren, Rumänen und Griechen streben. Alle diese
Bölker hätten davon viel größeren Nutzen al5 von dem Zollverein mit
Deutschland ... „Nußlands erneuerte Kraft wird unerschütterlich sein,
sobald das ganze slawische Element geeint unter seinem moralischen Schutze
ein entschiedener Gegner aller dieser Brutalitätspolitik wird.“ —
Die Mächte einigten sich unter britischer Führung auf ein Gegenbahn--
projekt, welches von einem Punkt der adriatischen Küste nach der Donau.
führen sollte. Bis zum Zahre 1911 ist darüber verhandelt worden unter
prinzipieller Zustimmung der Türkei, aber ohne praktisches Ergebnis.
In Österreich-Ungarn erregte dieser „europäische“ Sturm tiefes Er-
staunen, und man fühlte sich besonders durch die unerwartet schroffe Hal-
tung Großbritanniens verletzt. Zum erstenmal vielleicht begann man in
Wien die eigentlichen Triebfedern und Richtungen der großbritannischen
Politik zu ahnen und zu begreifen, daß es dieser nicht auf Recht oder Un-
recht, sondern auf Herrschaft und Gewalt ankam. Der Schlag wurde gegen
OÖsterreich-Ungarn geführt. Treffen sollte er Deutschland mit, letzten Endes
hauptsächlich.
Am 19. Juli 1908 besuchte König Eduard von England den russischen
Zaren zu Reval; der Unterstaatesekretär Sir Ch. Hardinge und der Minister
Jöwolski waren zugegen. Diese Zusammenkunft sollte äußerlich das bri-
tisch-russische Einvernehmen krönen. Zbre Bedeutung war aber eine größere.
Wenige Tage vorher hatte Sir Edward Grey erklärt: man beabsichtige
keinen Vertrag oder noch ein Abkommen mit der russischen Regierung
zu schließen. Der Besuch sei schon längst geplant worden, habe aber erst
jetzt zur Ausführung gelangen können. Gleichwohl träfe zu, daß er ein.