worben haben. Mit weitblickender Umsicht und eiserner Festigkeit haben Sie
Meinem in Gott ruhenden Herrn Großvater zur Seite gestanden, als es galt,
in schweren Zeiten die für nötig erkannte Reorganisation unserer Streit-
kräfte zur Durchführung zu bringen. Sie haben die Wege bahnen helfen, auf
welchen die Armee mit Gottes Hilfe von Sieg zu Sieg geführt werden
konnte. Heldenmüthigen Sinnes haben Sie in den großen Kriegen Ihre
Schuldigkeit als Soldat gethan, und seitdem, bis auf diesen Tag, sind Sie mit
nie rastender Sorgfalt und Aufopferung bereit gewesen, einzutreten, um
unserem Volke die von den Vätern ererbte Wehrhaftigkeit zu bewahren und
damit eine Gewähr für die Erhaltung der Wohltaten des Friedens zu schaffen,
Ich weiß Mich eins mit Meiner Armee, wenn Ich den Wunsch hege, den
Mann, der so Großes geleistet, auch fernerhin in der höchsten Rangstellung
ihr erhalten zu sehen. Ich ernenne Sie daher zum General-Obersten der Ce-
vallerie mit dem Range eines General-Feldmarschalles und hoffe zu Gott,
daß Sie Mir noch viele Jahre in dieser Ehrenstellung erhalten bleiben mögen.
Wilhelm.“
*
Also so war das europäische und Weltereignis zur Tatsache geworden.
Der größte Staatsmann des neunzehnten Jahrhunderts war vom König ver-
abschiedet worden wie ein Beamter, der sich als unfähig gezeigt oder seine
Amtspflichten verletzt hat. Als der Kaiser endlich dieses, sein Ziel, erreicht
hatte, schickte er dem Schöpfer des Reiches, dem Erhalter und Stärker des
Thrones der Hohenzollern diese beiden Orders, zwei Dokumente der Heuche-
lei, die man nicht ohne Abscheu lesen kann, mit allen den Wendungen von
„tiefer Bewegung‘ usw., der Sendung seines lebensgroßen Bildes und ihren
Ausdrücken von Anerkennung, die wahrlich Bismarck nicht nötig hatte.
Im Munde des Kaisers aber waren das leere Redewendungen, die niemand
als aufrichtig empfinden kann. Sie sollten der Öffentlichkeit Großzügigkeit,
Edelmut und tiefes Gefühl des Kaisers vortäuschen. Dazu gehörten auch
die unwahrhaftigen Phrasen von der ‚w.isen und tatkräftigen‘‘ Friedens-
politik, von der Titelverleihung eines Herzogs von Lauenburg, die Bismarck
bekanntlich ablehnte, von der ‚tiefen Bewegung‘‘, mit der der Kaiser aus
seinem Gesuch ersehen habe, daß Bismarck zurücktreten wolle, von der Ver-
leihung des Titels für den Vierundsiebzigjährigen als Generaloberst der
Kavallerie.
Auf demselben theatralischen Niveau liegt es, wenn der Kaiser an Franz
Joseph u. a. schrieb: „Gott ist Mein Zeuge, wie Ich in mancher Nacht im
Gebet gerungen und gefleht habe, das Herz dieses Mannes zu erweichen und
Mir das furchtbare Ende zu ersparen, ihn von Mir gehen zu lassen.“ An den
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