Full text: Von Potsdam nach Doorn.

Reichstage gegen die Stimmen der Rechten durchgegangen waren, nannte 
Wilhelm II. das Ergebnis ‚eine rettende Tat‘‘ und machte Caprivi zum 
Grafen, um zu zeigen, wie hoch er den Erfolg einschätzte. 
An sich schon war der Abschluß der neuen Handelsverträge von großer 
Tragweite: er bedeutete die Abkehr von der Schutzzollpolitik, die Bismarck 
im Jahre 1879 gegen die Linke und gegen die nationalliberale Mitte durch- 
gesetzt hatte. Die Folge dieser Politik war die innere Erstarkung der Wirt- 
schaft des Reiches, der Industrie, des Handels und der Schutz der Land- 
wirtschaft gegen ausländische Konkurrenz gewesen. Die deutsche Industrie 
war über die ersten großen Konkurrenzschwierigkeiten hinweggekommen, 
ebe nsowie die überseeische Schiffahrt und der Schiffbau. Die gesamte Pro- 
duktion war in sich wesentlich stärker und reicher und leistungsfähiger und 
damit widerstandsfähiger gegenüber der ausländischen Konkurrenz ge- 
worden; eine ergiebigere Quelle nationalen Wohlstandes, nationaler Stärke 
und Sicherheit. Wirtschaftskräfte hatte Bismarck auf den nationalen Nenner 
gebracht, auch als stille wirkende Kraft, im Verein mit dem Steigen des Ver- 
kehrs, gegen den Partikularismus. 
Die Industrialisierung Deutschlands nahm fortwährend zu, die Anforde- 
rungen an die Ernährung der Bevölkerung wuchsen mit dieser, die Flucht 
vom Lande in die großen, hauptsächlich die Industriestädte nahm zu, der 
Handel wuchs mächtig, ebenso wie alle Verkehrsmittel. Die Zeiten, als die 
deutsche Landwirtschaft noch ausführte, waren im wesentlichen vorbei. Sie 
war aber gegen ausländische Konkurrenz geschützt durch die Einfuhrzölle. 
Durch die Bewilligung der Caprivischen Vorlagen wurden die Zölle so stark 
herabgesetzt, daß der Schutz nahezu aufhörte. In dem alten Kampfe: 
Schützzoll oder Freihandel! hatte der Freihandel gesiegt. Ein großes Er- 
schrecken und eine tiefe Empörung ging durch die Landwirtschaft. Als Folge 
bildete sich der ‚Bund der Landwirte‘‘ Anfang der neunziger Jahre des ver- 
gangenen Jahrhunderts. Bismarck erregte wieder höchsten Unwillen des 
Kaisers, als er die Führer des neuen Bundes empfing und ihnen empfahl, 
Mitglieder für diese lediglich die landwirtschaftlichen Interessen vertreten- 
den Vereinigung, ohne Ansehen der Partei, zu werben. Die deutsche Land- 
wirtschaft ging schnell schweren Zeiten entgegen und kam in immer größere 
Schwierigkeiten, ihre Produktion sank notwendigerweise und um so mehr, je 
größer die Mengen waren, die von da ab an Getreide, Futtermitteln und, 
Fleisch aus dem Auslande kamen. 
Es war das erklärte Ziel der politischen Linken und eines Teils der Mitte 
Deutschland zu einem überwiegenden Industrielande zu machen. Die Linke 
ging in ihrem politischen Streben viel weiter: sie wollte das ausschließliche 
Industrie- und Handelsland und ein fortwährendes Schrumpfen der Land- 
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