Full text: Von Potsdam nach Doorn.

Anwesenheit des Fürsten Bismarck. Ebenso selbstverständlich war, daß der 
Fürst beim Kaiser Franz Joseph eine Audienz erbitten und erhalten werde. 
Bei diesem Gedanken gerieten der Kaiser und sein Reichskanzler in so 
große Erregung, daß sie jeder einen — wie man damals mit Recht sagte — 
Uriasbrief schrieben ; Caprivi an den deutschen Botschafter zu Wien, unter 
Betonung der Weisung des Kaisers: keine der Personen der Botschaft dürfe 
einer Einladung zur Bismarckschen Hochzeit Folge leisten. Der Kaiser 
schrieb persönlich an Franz Joseph: er möge Bismarck unter keinen Um- 
ständen empfangen, denn dieser habe sein Unrecht ihm, Kaiser Wilhelm, 
gegenüber nicht eingestanden, ihn nicht um Verzeihung gebeten. 
So wurde es. Der Schöpfer des Deutschen Reiches sah sich, wie er bei einer 
anderen Gelegenheit sich ausdrückte, wie ein gefährlicher Krankheitsherd 
durch einen Pestkordon von der menschlichen Gesellschaft isoliert. Kaiser 
und Kanzler veröffentlichten jenes den Fürsten Bismarck diffamierende 
Schreiben an die Deutsche Botschaft in Wien. Das erregte großes Aufsehen 
und ließ den Kampf um Bismarck und den Kaiser wieder in aller Schärfe 
aufflammen. Im Bismarckschen Organ, den „Hamburger Nachrichten‘, 
ließ der Fürst schreiben: ‚‚Wir sind der Ansicht, daß die Kontrolle privater 
Geselligkeit im Auslande und die Einwirkung auf private Diner-Einladungen 
nicht zu den Aufgaben gehören, zu deren Lösung hochgestellte Staats- 
männer berufen und Botschaftergehalte bewilligt werden. Wir glauben nicht, 
daß die auswärtigen Akten einer anderen Großmacht, wenn sie veröffentlicht 
würden, ein Gegenstück dieses deutschen Vorgangs aufzuweisen hätten.“ 
Das waren in der Form sehr maßvolle, in der Sache sehr scharfe Worte 
angesichts der unwürdigen Aktion des Kaisers und Caprivis. Die linke Presse 
und das Zentrum jubelten den Uriasbriefen zu. 
Bismarck war es unmöglich, hierzu zu schweigen. Er handelte nach der 
Antwort, die er in den Jahren nach seiner Entlassung seinem langjährigen 
Mitarbeiter und Vertrauten, Lothar Bucher, auf dessen Bitte gegeben hatte, 
sich doch mehr zurückzuhalten: ‚Mein lieber Bucher, das verstehen Sie 
nicht: wenn mich einer haut, so haue ich wieder!“ 
Auf seiner Fahrt nach Wien fanden, eben nach Veröffentlichung jenes 
Erlasses, in allen Städten, die er in Deutschland berührte, begeisterte wie 
empörte nationale Kundgebungen statt, und in verschiedenen hielt er 
Reden. Die ausdrucksvollste von diesen, auf dem Marktplatz in Jena, hat 
geschichtlichen Wert. Ihre Hauptsätze waren die folgenden: 
„Ich habe als Reichskanzler nach meinem Gewissen gehandelt, bin auch 
fest entschlossen, als Privatmann nach meinem Gewissen und nach meinem 
Pflichtgefühl zu handeln, was auch immer die Folgen für mich sein könnten. 
Die sind mir völlig gleichgültig. Ich bin eingeschworen auf eine weltliche 
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