Full text: Von Potsdam nach Doorn.

Schon lange vor dem Weltkriege, auch vor dem entscheidenden Jahr 1908, 
war sogar in der Türkei die Mißgunst der österreichischen Diplomatie und 
Politik gegen Deutschland sehr fühlbar, auch auf dem wirtschaftlichen 
Gebiet. 
Im ganzen gesehen also stand die Verwirklichung des Bagdadbahn-Unter- 
nehmens und der ganzen deutschen Orient- und Türkei-Politik auf einer 
„Grundlage“ von hundert Unsicherheiten und Gefährlichkeiten, von denen 
keine einzige an Ort und Stelle beseitigt oder erfolgreich bekämpft werden 
konnte. Mit jedem weiteren Jahre des großen Bahnbaues wuchs der böse 
Wille dagegen in Petersburg und London und Paris. Einen Gipfel erreichte 
diese Stimmung in den letzten Jahren vor dem Kriege, als der Kaiser einen 
deutschen General nach Konstantinopel schickte und dieser von der türki- 
schen Regierung zur Übernahme des Kommandos über das in Konstan- 
tinopel befindliche Armeekorps berufen wurde. Nicht allein Rußland und 
Frankreich erhoben amtlichen Einspruch, sondern auch England, worauf der 
General seiner Stellung wieder enthoben wurde; wieder: erst Fanfare, dann 
Abblasen! Das war im Jahre 1913, als die drei Großmächte, politisch und 
militärisch eng miteinander verbunden, bereits zum Kriege gegen Deutsch- 
land entschlossen waren und ebenso entschlossen, diesen Krieg von der 
Balkanhalbinsel aus zu entzünden., 
Während der langen Zwischenzeit war es der deutschen Politik nicht ge- 
lungen, eine der beiden Großmächte, England oder Rußland, fest und zu- 
verlässig mit dem Bagdadbahn-Unternehmen auszusöhnen. Im Laufe der 
Jahre fanden allerhand Verhandlungen statt, hauptsächlich wegen finan- 
zieller Beteiligung Englands und auch Frankreichs an dem ’Unternehmen, 
mit wechselndem, niemals jedoch politisch entscheidendem Ergebnis. Für 
England stellte sich die Haltung zur Bagdadbahn, überhaupt zur Orient- 
politik des Kaisers, ungefähr folgendermaßen dar: der Grund- und Zweck- 
gedanke dieser Politik mußte, nach der englischen Auffassung, nicht allein 
als unbequem, sondern als bedrohlich für einen wichtigen Teil der britischen 
Weltherrschaft erscheinen. Um eines so weitgreifenden Planes willen, der 
anerkanntes britisches Eigentum oder anerkanntes Einflußgebiet nicht be- 
rührte, konnte die großbritannische Regierung im ganzen einen offiziellen 
Einspruch nicht erheben. Sie erhob ihn für das letzte Stück der geplanten 
Bahn, das durch das Gebiet von Koweit hindurchging und am Persischen 
Golf deren Endpunkt finden sollte. England beschränkte sich im übrigen auf 
Beobachtung der verschiedenen Abmachungen mit dem Sultan, lehnte 
zuerst geldliche Beteiligung an dem Unternehmen ab, fand sich später bereit 
dazu. Nachher, während der letzten Zeitperiode vor dem Kriege, mag man 
gedacht haben, daß durch englische und französische Geldbeteiligung die 
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