festliche Begeisterung. Im übrigen war die Bülowsche Diplomatie dieses Mal
erfolgreich, weil Frankreich und ebenfalls das noch lange nicht kriegsbereite
Rußland den Krieg in diesem Augenblick nicht wollten. Die Politik Groß-
britanniens trieb dagegen auf Krieg, wohl in der Ansicht, daß Österreich sehr
bald zusammenbrechen werde, und daß das große Durcheinander auf der
Balkanhalbinsel gerade der richtige Zustand sei, um der Türkei den ent-
scheidenden letzten Stoß zu geben. Wie die Dinge aber lagen, versagten die
beiden Festlandmächte, und Bülow setzte durch, daß auf die Konferenz ver-
zichtet wurde. So kam es zu Einzelverhandlungen zwischen Rußland und
Österreich-Ungarn, und die große Krisis löste sich ohne Krieg.
Bülow triumphierte und vollends Wilhelm II. In seinen Denkwürdig-
keiten, zunächst in seinem Buche über deutsche Politik, das er noch während
seiner Amtszeit erscheinen ließ, erklärte Bülow stolz, das Gebilde des Drei-
verbandes sei an der handfesten Macht des Dreibundes gescheitert. Er hat
immer unterlassen, anzuerkennen, daß sein diplomatischer Erfolg lediglich
darauf basierte, daß die türkische Revolution mit ihren unmittelbaren Folge-
erscheinungen auf der Balkanhalbinsel zu früh gekommen war, weil Ruß-
land erklären mußte: es sei zur Zeit einem Kriege noch nicht gewachsen. Die
Erhaltung des Friedens bedeutete, abgesehen von der rein diplomatischen
Seite, also nur eine Pause. Als der serbische Minister Pasitsch nachher den
Zaren in Petersburg besuchte, sagte ihm dieser: ‚Wartet nur ab und habt
Geduld, die Tage eurer Freuden werden kommen!“
Dann ereignete sich, daß der Außenminister, Freiherr von Aehrenthal, in
einer veröffentlichten Unterredung äußerte, daß er eine von Deutschland
unabhängige Politik treibe. Das war eine Unfreundlichkeit, die zu denken
geben mußte, zumal in der bosnischen Krisis doch ganz allein die Macht des
Deutschen Reiches die Erhaltung des Friedens bewirkt und die Politik der
Habsburger Monarchie aus ihrer Sackgasse herausgeholt hatte. Aber daswar
nicht das einzige. Der Abschluß der Krisis hatte gezeigt, daß ihr Erfolg den
Wiener Diplomaten gefährlich zu Kopf gestiegen war, in einem Grade, der
in vollem Gegensatz zur Schwäche — der inneren wie der äußeren — der
Doppelmonarchie stand. Es kam noch etwas hinzu, dessen besorgnis-
erregende Bedeutung freilich damals, 1908, nur von einem sehr geringen Teil
des deutschen Volkes verstanden wurde. Diese Stimmen wurden freilich von
der Schützenfestbegeisterung über die ‚Nibelungentreue‘ völlig übertäubt:
In den achtziger Jahren hatte Bismarck seinen bekannten Ausspruch
getan: balkanische Angelegenheiten seien nicht die Knochen eines einzigen
pommerschen Grenadiers wert. ‚Die ganze orientalische Frage ist für uns
keine Kriegsfrage. Wir werden uns wegen dieser Frage von niemand das Leit-
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