Full text: Von Potsdam nach Doorn.

reich-Ungarns, in die erste Linie der an den Balkandingen interessierten 
Mächte. Sie ließen sich in eine Abhängigkeit von der österreichisch-unga- 
rischen Politik und eine Solidarität mit ihr hineingleiten, aus der sie sich 
1914 rechtzeitig und um jeden Preis zu lösen nicht die Kraft und auch nicht 
die Klarheit des Blickes besaßen. 
Aber die Bundestreue! Um noch ein Wort von Bismarck zu zitieren: kein 
Staat kann seine Existenz auf dem Altar der Bundestreue zum Opfer 
bringen! Zur Kennzeichnung der kopflosen Verwirrung 1914 und ihrer Ur- 
sachen muß noch das Folgende gesagt werden: 
Nach dem Dreibundvertrage war das Deutsche Reich nur verpflichtet, 
wenn Österreich-Ungarn unprovoziert von Rußland angegriffen wurde. 
Folglich mußte die deutsche Politik vom Beginn der gefährlichen Periode, 
sagen wir: 1908, mit dauernder unnachsichtiger Energie seinen Bundes- 
genossen verhindern, eine Lage heraufzubeschwören, die zu einem Angriff 
Rußlands führen konnte. Diese Energie fehlte und — man glaubte eben 
„grundsätzlich‘‘ nur an die Möglichkeit eines europäischen ‚‚Papierkrieges‘“. 
Ferner: 
Der Deutsche Kaiser betrachtete das Bündnis mit Wien durch die roman- 
tisch-sentimentale Brille. Für ihn war der Bund in erster Linie ein solcher der 
beiden Monarchen. Seine, man kann sagen: kritiklose Verehrung für Franz 
Joseph war an und für sich seine persönliche Angelegenheit. Mit Verehrung 
und dem Mitgefühl für die grausamen Lebensschicksale des alten Kaisers 
durfte aber nicht deutsche Reichspolitik getrieben werden, Gefühle durften 
die Bündnispolitik nicht beeinflussen, und ein solcher Einfluß bestand in 
hohem Grade. Das stimmte überein mit der allgemeineren Anschauung des 
Deutschen Kaisers, daß unter den Fürsten Europas — und besonders den 
Herrschern der großen Mächte — eine stille selbstverständliche Solidarität 
bestehe, jedenfalls bestehen müsse. Unermüdlich hat der Kaiser versucht, 
auch zwischen sich und dem russischen Zaren eine solche übernationale 
Monarchensphäre herzustellen, und bis zu Ende nicht begriffen, daß Niko- 
laus II. kein Verständnis dafür hatte, höchstens bisweilen so getan hat, um 
das kaiserliche Drängen loszuwerden. Daß er bei Eduard VII. und dessen 
Nachfolger auf kalte Ablehnung stieß, verstand sich nach allem von selbst. 
Aber auch bei den anderen Herrschern und ihren Familien war Wilhelms Il. 
Auffassung ebensowenig beliebt wie er selbst, und so konzentrierte sich sein 
monarchisches Zusammengehörigkeitsgefühl auf Franz Joseph, wozu po- 
litisch keine Ursache vorhanden war. 
Von erheblicher politischer Bedeutung war die Auffassung des Deutschen 
Kaisers, daß das Bündnis in erster Linie die Sache der beiden Kaiser sei, 
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