DRITTER ABSCHNITT
Imperator Rex
Kaiser und Bundesfürsten
Bismarcks Urteil: Wilhelms II. Ideal sei ‚populärer Absolutismus‘“, hat
sich während der Regierungszeit des Kaisers als richtig bewährt. Der Kaiser
wollte absolut herrschen und sogar selbst regieren. Bismarck hatte dieses
in seinem Zwist mit dem Kaiser über die soziale Frage gewonnene Urteil
so gemeint, daß Wilhelm II. Popularität bei der Sozialdemokratie, richtiger
bei der Arbeiterschaft, wolle, und zwar als absolutistischer Herrscher. Fürst
Philipp Eulenburg sagte, nach einer Aufzeichnung im Jahre 1906, dem
Kaiser ‚‚in einem langen ernsten Gespräch“:
„Euer Majestät Individualität gravitiert in der Richtung des absoluten
Herrschers. Sie haben sich stark dahin entwickelt — auf Kosten des Her-
zens, das Sie haben. Ihre Menschenverachtung hat zugenommen. Die Grund-
eigenschaft Ihres Charakters ist, wie Sie mir in Norwegen auf einem Spazier-
gang sagten, der Eigensinn. Ich lasse dahingestellt, ob das richtig ist. Aber
jedenfalls wird die Linie zwischen gewissen Handlungen eines Herrschers
und den Wirkungen seines Eigensinns sehr verschwommen sein —- wenn er
wirklich eigensinnig ist. Dahin gehört das Nichtdulden von Widerspruch
und ein Verweigern von gutem Rat, den man Ihnen geben will. Alles in
allem: Autokratismus in allem: Autokratismus auf Kosten der Nützlichkeit
für den Autokraten selbst und für sein Volk und Land. Das klingt alles sehr
hart! Aber ich kann es, gottlob!, multiplizieren, auch aus Ihrer Persönlich-
keit heraus. Gegenüber Menschenverachtung besitzen Sie eine seltene Treue
und Anhänglichkeit. Treue ist immer selten, bei Monarchen eine Rarität.
Denn der Monarch kann immer das beliebte Staatswohl alias Bequemlich-
keit vorschieben. Gegenüber Ihrer Härte haben Sie Ihr Herz. Das sollten Sie
mehr anwenden Gegenüber Ihrem Eigensinn aber haben Sie Ihren Ver-
stand. Wie leicht könnte dieser die schädlichen Folgen eines gelegentlich
zu scharf auftretenden Autokratismus beseitigen.‘
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