innerhalb ihrer Häuser vereinigten sich mit den politischen und dynastischen
Besorgnissen, daß der Kaiser drauf und dran sei, den föderativen Charakter
des Deutschen Reiches und die verfassungsmäßigen Rechte der Bundes-
fürsten zu mißachten und zu beeinträchtigen. Unzweifelhaft waren solche
Besorgnisse nicht unbegründet. Was Wilhelm Il. von groben Verfassungs-
widrigkeiten abhielt, war letzten Endes nur die Furcht vor ernsthaften Ver-
wicklungen mit unabsehbarem Ausgang. Die Willensschwäche des Kaisers
und sein Mangel an Mut und Selbstvertrauen, einen ernsthaften Konflikt —
das gleiche galt ja in der Außenpolitik —- durchzufechten, hätten also hier
scheinbar ihr Gutes gehabt. Wilhelm II. vermochte aber nicht, seine inner-
lich gehegten Ansprüche und seine brennenden Wünsche: absolut zu re-
gieren, dann wenigstens zu verschweigen: was er zu tun nicht wagte, we-
nigstens in Worten indirekt zum Ausdruck zu bringen; anscheinend ver-
langte seine Natur solche Entlastungen von Zeit zu Zeit.
Aus den Versailler Verhandlungen im Winter 1870/71 wissen wir, mit
welcher Vorsicht und Sorgfalt Bismarck die Bundesfürsten behandelte,
damit sie sich nicht als in den neuen Bundesstaat hineingezwungen und in
ihren Sonderinteressen beeinträchtigt, sondern im Gegenteil frei und wohl
und nachher in ihren verfassungsmäßigen Rechten vertrauensvoll gesichert
fühlen sollten. Der Briefwechsel, den Bismarck im ersten und zweiten Jahr-
zehnt nach dem Kriege mit dem König Ludwig II. von Bayern führte, zeigt
auch heute noch dem Leser die damalige Wichtigkeit sorgsamster Beobach-
tung der verfassungsmäßigen Rechte der Bundesfürsten. Ludwig 11. schrieb
an Bismarck im Sommer 1877 unter anderem:
„In Ihrer Stellung zu der immer wieder auftauchenden Frage verantwort-
licher Reichsministerien erscheinen Sie als der starke Hort der Rechte der
Bundesfürsten.‘‘ Und in einem anderen Teil dieses Briefes: ‚Je größer meine
persönliche Verehrung für Sie und mein Vertrauen zu der föderativen Grund-
lage Ihres staatsmännischen Wirkens ist, desto schmerzlicher hätte ich ein
solches Ereignis (es handelt sich um Rücktrittsgerüchte Bismarcks) für mich
und mein Land empfunden.“
Der ganze Briefwechsel ist von diesem Thema durchzogen. Man mag,
von der Gegenwart aus gesehen, schwer begreiflich finden, daß die Bundes-
fürsten sich nicht im Interesse der deutschen Einheit einfach ihrer sämt-
lichen Stellungen und Rechte entäußerten; ebenso wie der nachmalige
Kaiser Friedrich und sogar der alte Kaiser Bismarck zum Vorwurf machten,
daß er 1870 nicht die in seinen Händen liegende Macht rücksichtslos den
Fürsten gegenüber gebrauche. Man kann mit einiger Sicherheit annehmen,
daß in diesem Falle oder wenn ein Reichskanzler nach Bismarck so vor-
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