Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Deutsches  Keich.  (Februar  23.)  177

wir  dieser  Vorlage  zustimmen,  und  es  handelt  sich  um  eine  selbstverständliche
  Pflicht  eines  jeden  einzelnen  hier  im  ganzen  Hause.  Wir  können  es
nicht  verstehen,  daß  man  in  einem  solchen  Augenblicke,  in  dem  sich  die
Welt  zu  den  entscheidenden  Kämpfen  rüstet,  dem  Vaterlande  diejenigen
Mittel  verweigern  will,  die  es  doch  notwendig  braucht,  um  sich  und  seine
Angehörigen  zu  schützen,  und  die  es  auch  braucht,  wenn  man  zum  Frieden
kommen  soll.  Wir  meinen,  daß  jetzt  nicht  der  Augenblick  ist,  sich  über
Friedensverhandlungen  und  Friedensziele  zu  unterhalten.

Abg.  Mertin  (Deutsche  Fraktion):  Auch  namens  meiner  Fraktion
kann  ich  nur  unsere  Zustimmung  zu  der  Vorlage  und  zu  den  Ausführungen
der  Borredner  aussprechen.

Abg.  Ledebour  (Soz.  Arb.):  Der  Abg.  v.  Payer  statuiert  Grundsätze,
die  mit  der  Einrichtung  des  Parlaments  unverträglich  sind.  Daß  es  die
Pflicht  jedes  Abgeordneten  sei,  den  Kriegskrediten  zuzustimmen,  hat  vor
zwei  Jahren  Graf  Westarp  auch  behauptet,  aber  damit  nur  bei  seinen  eigenen
Freunden  Zustimmung  gefunden.  Heute  hören  wir  dasselbe  von  dem  Führer
der  freisinnigen  Volkspartei.  Damit  würde  während  der  Kriegszeit  das
Parlament  ignoriert.  Das  wäre  der  Regierungsabsolutismus,  wie  er  leider
in  Oesterreich  besteht,  wo  man  das  Parlament  seit  Ausbruch  des  Krieges
ignoriert.  Wir  werden  den  Kampf  für  die  Volksrechte  auch  gegen  diese
durch  die  Kriegspsychose  vollkommen  entwurzelten  Liberalen  aufnehmen.

Abg.  Ebert  (Soz.):  Wir  haben  diese  Bewilligung  nicht  als  eine  Frage
des  Vertrauens  oder  Mißtrauens  für  oder  gegen  die  Regierung  betrachtet;
wir  sprechen  die  Bewilligung  aus,  weil  wir  das  für  eine  Pflicht  gegen
unser  Land  und  unser  Volk  ansehen.  Die  Rechte  der  deutschen  Arbeiterklasse
  und  des  Volkes  werden  wir  bei  der  Etatsberatung  mit  aller  Entschiedenheit
  wahrzunehmen  wissen.

Hierauf  wird  die  Kriegskreditvorlage  in  allen  drei  Lesungen  gegen
18  Stimmen  der  Soz.  Arb.  angenommen.

23.  Febr.  Durch  amtl.  Bekanntmachung  wird  die  Zahl  der
Mitglieder  des  Vorstandes  des  Kriegsernährungsamts  auf
12  erhöht  und  der  preuß.  Staatskommissar  für  Volksernährung
Dr.  Michaelis  in  den  Vorstand  berufen.

23.  Febr.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Haushaltsplan  der
Verwaltung  der  direkten  Steuern.

Auf  die  Forderung  des  Abg.  Bredt  (Freikons.)  nach  einem  organischen
  Ausbau  des  preuß.  Steuersystems  behufs  besserer  Erfassung
der  Leistungsfähigkeit  erwidert  Finanzminister  Dr.  Lentze:  So  etwas  ist
leichter  auszusprechen,  als  auszuführen.  Dazu  muß  man  erst  ein  vollständig
  klares  Bild  über  die  gesamten  Verhältnisse  haben,  mit  denen  man
zu  rechnen  hat.  Zum  richtigen  organischen  Ausbau  eines  Steuergesetzes
gehört,  daß  man  weiß,  wie  weit  die  einzelnen  Steuerzahler  schon  belastet
sind,  und  welche  Anforderungen  im  allgemeinen  an  das  Einkommen  gestellt
  werden.  Nach  dem  Kriege  wird  jeder  einzelne  Steuerzahler  durch
Abgaben  an  das  Reich,  den  Staat  und  die  Kommunen  besonders  stark  belastet
  werden.  Es  muß  erst  Klarheit  darüber  bestehen,  wie  weit  die  Anforderungen
  des  Reichs  und  der  Kommunen  neben  den  Anforderungen  des
Staates  gehen.  Reich  und  Staat  müssen  sich  gleichzeitig  über  ihr  Programm
klar  sein  und  wissen,  was  sie  für  Bedürfnisse  zu  decken  haben.  Auch  den
notleidenden  Kommunen  müssen  die  notwendigen  Einnahmen  zugeführt
werden.  Dem  Gedanken  der  Junggesellensteuer  stehe  ich  sympathisch  gegen-Europäischer

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