Underung der Taktik. 111
Leben zu verteidigen und sich eine gesicherte Zukunft zu schaffen.
Konnte oder wollte es diese Höchstleistung nicht aufbringen, so
mußte es gewärtig sein, im Zusammenbruch, sei es an der Front,
sei es in der Heimat, in schmachvollem Frieden auf Gnade und Ungnade
in die Gewalt der Feinde zu kommen. Anderes gab es nicht.
Nicht die O. H. L., sondern der Feind und der Daseinskampf
des deutschen Volkes stellte die Regierung vor die Frage, ob sie
imstande und willens sei, nun endlich die Kräfte des deutschen
Volkes zu kriegerischer Arbeit zusammenzufassen, auf den Sieggedanken
einzustellen und mit der O. H. L. gemeinsam den Sieg
zu erringen, oder ob sie, in Schwäche, Weltfremdheit und pazifistischem,
später auch defaitistischem Denken befangen, das deutsche
Volk in den Untergang taumeln lassen wolle“).
Auf dem eigensten Gebiet der Kriegführung, der Strategie und
Taktik, tat die O. H. L. das Erforderliche, um die Verluste zu
mildern.
In der Taktik lockerte sie die Form, um so die Menschenverluste
zu verringern und die Anspannung der Truppe zu vermindern. Die
Erfahrungen bei Verdun und an der Somme verlangten mit der
Gewalt von Naturkräften den Übergang zu einer weniger starren
Führung des Kampfes. Die O. H. L. war sich bewußt, daß die von
ihr angeordnete Anderung der Taktik ein gefährliches Unternehmen
zu einem Zeitpunkt wurde, in dem die Ausbildung des Ersatzes und
der Truppe minderwertig geworden war und die Straffheit der
Mannszucht im Vergleich zu der im Frieden nachgelassen hatte. Gerade
diese Erscheinungen hätten zu geschlosseneren Gefechtsformen
führen müssen, deren Anwendung aber unter der Gewalt des feindlichen
Artilleriefeuers ausgeschlossen war. Schon die bisherigen
Formen hatten sich für den Gebrauch als nicht mehr zulässig erwiesen.
So blieb gar nichts anderes übrig, als den angedeuteten
Weg einzuschlagen. Nur wenn die vorhandenen Kräfte mehr geschont
und erhalten wurden als bisher, war eine erfolgreiche Fortsetzung
des Krieges denkbar. Die neuen Formen haben die Ver-*)
Auch hier wieder ein Fremdwort für einen undeutschen Begriff:
.Defaitistisch" muß als „Niederlage fördernd“ gelesen werden.