282 Landwirtschaft und Volksernährung.
480, in der Schweiz, Holland, Dänemark, Schweden und Norwegen
durchschnittlich auf 600, in Rußland auf 800 Mark. Selbst in Kanada
und den Vereinigten Staaten war er mit 341 bzw. 349 Mark beträchtlich
höher als in Deutschland.
Ob allerdings eine zwangsweise so niedrige Bemessung der Getreidepreise
für die konsumierende Bevölkerung letzten Endes von wirklichem
Vorteil, ist eine Frage, die man nicht ohne weiteres bejahen wird. Bei
der allgemeinen Steigerung der Preise, auch der gewaltigen Steigerung
der Aufwendungen, die der Landwirt zu machen hatte, wäre für die
Volksversorgung der Anreiz höherer Getreidepreise zur Produktionssteigerung
vielleicht vorteilhafter gewesen als die Beibehaltung billiger
Verpflegung in einer Zeit, in der auch sehr breite Volkeschichten infolge
der außerordentlich gestiegenen Löhne ohne weiteres zu sehr viel höheren
Aufwendungen als in früheren Zeiten befähigt waren.
Im Laufe des Jahres lgl zeigten sich die Folgen einer zu wenig
produktionsfördernden Politik dadurch, daß Mitte Mai mit Wirkung von
Mitte Juni die tägliche Mehlmenge von 200 g auf das bedenklich geringe
Maß von 160 g herabgesetzt werden mußte. Gleichzeitig wurden die
Getreidepreise für die Tonne Weizen und Roggen um 35 Mark erböht
und die Frühdruschprämien bis auf 120 Mark heraufgesetzt, um möglichst
zeitig eine Versorgung aus der neuen Ernte sicherzustellen. Als wir die
Waffen niederlegten, war unsere Getreideversorgung dem Zusammenbruche
nahe. Es kam hinzu, daß in den Tagen der Revolution zunächst
die ganze alte Ordnung der Versorgung über den Haufen stürzte und die
neue Regierung, um sich zufriedene Massen zu schaffen, zunächst, unbekümmert
um die Geringfügigkeit der Bestände, mit allen möglichen
Aufbesserungen der Massenernährung arbeitete, so daß wir binnen kürzester
Zeit in die ernsteste Gefahr der Hungersnot gerieten und unter blindlinge
unterzeichneten Waffenstillstandsbedingungen, die weit davon entfernt
waren, uns eine Erleichterung der Blockade zu bringen, sowie bei einem
plötzlichen ungeheuren Sturz unserer Valuta unbedingt darauf angewiesen
waren, ausländische Hilfe für unsere Volksernährung in großem Umfang
anzurufen.
Während der ganzen Kriegszeit ist naturgemäß die staatliche Bewirtschaftung
der Volksernährung einer sehr lebhaften Kritik ausgesetzt
gewesen. Zu Anfang hatte an den maßgebenden Stellen eine
unbegreifliche Sorglosigkeit geherrscht. Während unsere Feinde sich mit
allen möglichen Lebensmittelvorräten eindeckten, ließ Deutschland noch
im Juli 1914 unbekümmert große Getreidemengen über unsere Grenzen
abfließen. Als dann der Krieg ausgebrochen war, trug man bezüglich
der Volksernährung so wenig Vorsorge, daß man entgegen den Mahnungen