Metadata : Erinnerungen an die Kriegsjahre im Königlich Preußischen Kriegsministerium. Zweiter Band. Heer und Heimat 1914-1918. (2)

Das  Hilfsdienstgesetz  125

des  Gesetzes  die  Menge  aufzurütteln  und  den  Feinden  den  einmütigen
Willen  des  Volkes  zu  zeigen,  alles  für  das  Vaterland  zu  tun,  war  gut.
Aber  auch  hier  hatte  man,  wie  so  oft,  nicht  mit  den  Verhältnissen  in
der  Heimat  gerechnet.  Es  ist  merkwürdig,  wie  wenig  diese  im  Großen
Hauptquartier  bekannt  waren;  es  war  dies  tief  bedauerlich,  da  diese
Verkennung  oft  zu  unzweckmäßigen  Maßnahmen  der  Obersten  Heeresleitung
  führte.  Und  doch  hätte  sich  dem  leicht  abhelfen  lassen.

An  eine  debattelose  en  bloc-Annahme  des  Gesetzes  war  nicht  zu
denken.  Dies  konnte  man  bei  der  Zusammensetzung  des  Reichstages
vorhersehen.  Eine  vorherige  Fühlungnahme  mit  den  Parteien  war  verabsäumt
  worden.  So  konnte  die  Enttäuschung  nicht  ausbleiben.

Die  Vorlage  wurde  einem  Ausschuß  überwiesen,  und  damit  die
gute  Absicht  der  O.  H.L.  durchkreuzt.

Die  nachfolgenden  Verhandlungen  brachten  dann  ein  Gesetz  zustande,
  das  besser  unterblieben  wäre.  Es  stärkte  die  Macht  der  Arbeiterschaft
  auf  Kosten  der  Unternehmer.  Innerpolitisch  hat  das  Gesetz  geschadet.
  Die  Sozialbemokratie  war  mit  ihm  zufrieden,  was  sie  jedoch
nicht  hinderte,  gelegentlich  noch  mehr  zu  fordern.

Besonders  der  H  9,  der  eine  14  tägige  Karenz  beim  Arbeitswechsel
vorsah,  bildete  mit  seiner  Beschränkung  der  Freizügigkeit,  die  in  dieser
Bestimmung  liegen  sollte,  den  Ausgangspunkt  für  die  Agitationstätigkeit
  der  Gewerkschaften.  In  Wirklichkeit  war  in  dieser  14  tägigen
Karenz  bei  den  hohen  Verdiensten  der  Arbeiter  eine  Strafe  überhaupt
  nicht  zu  erblicken;  bei  6  wöchiger  Dauer,  wie  in  England,
hätte  man  schon  eher  davon  reden  können.  Die  Industrie  hatte  gar
kein  Interesse  an  dieser  kurzen  Karenzzeit.  Diese  Bestimmung  war
in  sich  widerspruchsvoll.  Während  man  durch  das  Gesetz  auf  der
einen  Seite  alle  Arbeitskräfte  Deutschlands  bis  zum  ußersten  im
vaterländischen  Interesse  nutzbar  machen  wollte,  gab  man  den  renitenten
Leuten  Gelegenheit,  sich  durch  Wechsel  der  Arbeitsstelle  ohne  Abkehrschein
  einen  14  tägigen  Urlaub  zu  verschaffen.

Der  Abgeordnete  Bauer  erklärte  in  einer  öffentlichen  Versammlung,
  daß  die  Arbeiter  durch  das  Gesetz  das  Ziel  jahrelanger  Kämpfe
erreicht  hätten.  Das  war  bezeichnend.

In  dem  Jahresbericht  der  Christlichen  Gewerkschaften  heißt  es:

„Die  Verbesserung  der  gewerkschaftlichen  Konjunktur  hängt
ohne  Zweifel  mit  den  tief  einschneidenden  Anderungen  zusammen,