Rußland. (März 14. 20.) 285
14. März. (Dorpat.) Die Universität wird wegen Unruhen
unter den Studenten geschlossen.
20. März. Der „Regierungsbote“ veröffentlicht die russischfranzösische
Erklärung (S. 238) über den englisch-japanischen Vertrag
und bemerkt dazu:
Die kaiserliche Regierung begrützt den Abschluß des besagten Abkommens
mit größter Ruhe. Die Grundsätze, welche die russische Politik
seit Beginn der Unruhen in China leiten, sind und bleiben unveränderlich.
Rußland hält an der Unabhängigkeit und Integrität Chinas, ebenso wie
an der Koreas fest. Rußland wünscht die Aufrechterhaltung des status
quo und eine allgemeine Beruhigung des äußersten Ostens. Durch den
Bau eines großen Schienenweges durch Sibirien mit Abzweigung durch
die Mandschurei nach einem stets eisfreien Hafen begünstigt Rußland die
Ausdehnung des Handels und der Industrie der ganzen Welt in diesen
Gegenden. Würde es in seinen Interessen liegen, hierin jetzt Schwierigkeiten
zu bereiten? Die von England und Japan bekundete Absicht, zur
Erreichung derselben von der russischen Regierung unwandelbar verfolgten
Ziele mitzuwirken, kann nur den Sympathien Rußlands begegnen, trotz
der Auslassungen gewisser politischer Kreise und verschiedener Organe der
auswärtigen Presse, welche sich bemüht haben, unter einem ganz anderen
Gesichtspunkt die unveränderliche Haltung der kaiserlichen Regierung in
Bezug auf diesen diplomatischen Akt darzustellen, welcher in den Augen
der russischen Regierung die allgemeine Lage am politischen Horizont in
nichts ändert.
März. April. Mai. Bauernunruhen in Südrußland.
Seit Ende März rotten sich in den Gouvernements Pultawa und
Charkow Bauern zusammen und plündern die Scheunen der Gutsherrschaften.
Die Ursache ist die Hungersnot, die infolge der Mißernte von
1901 dort herrscht. Das „Neue Wiener Abendblatt“ schreibt über die
Vorgänge in Pultawa: „Während der im Gouvernement herrschenden
Hungersnot verteilte die revolutionäre Partei in sämtlichen Dörfern Proklamationen.
Die Bauern, welche weder schreiben noch lesen können, ließen
sich durch ihren Gemeindevorsteher den Inhalt der Proklamationen erklären
und kamen hierauf zu ganz eigenartigen Entschlüssen. Sie erklären nämlich,
daß die Proklamationen ein Manifest des Zaren seien, und darauf gestützt,
gehen sämtliche Bauern, mit dem Starosta an der Spitze, zu den Lagerhäusern
der Gutsbesitzer und jeder nimmt sich so viel Proviant, als er
und seine Familie brauchen, und so viel Getreide für die Saat, um seine
Felder bebauen zu können. Das alles vollzog sich mit der größten Ruhe,
als ob sie nichts Ungesetzliches tun würden. Die Bauern forderten hierauf,
daß ihr Gemeindevorsteher ein Protokoll aufsetze, in welchem genau der
Name eines jeden Bauern verzeichnet wurde und wie viel Proviant und
Samen ein jeder nahm. Die reichen Bauern beteiligten sich nicht dabei,
dafür wurde jeder arme Bauer von der Gemeinde gezwungen, mitzugehen.“
Militär muß einschreiten, da die Bauern bald mit Plünderung und
Brennen beginnen. An einigen Stellen weigern sich die Soldaten, auf die
Bauern zu schießen. Der Aufstand dauert bis Mitte Mai. — Ein keaiserlicher
Ukas befiehlt den Geistlichen, im Gottesdienst den Untertanen die
Notwendigkeit des unbedingten Gehorsams einzuschärfen. Viele Bauern
werden körperlich gezüchtigt.