Metadaten : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

66  Beutsches  Reich.  (Januar  20.  21.)

demokratischen  Partei  sein  oder  bleiben.  Das  eine  schließt  das  andere  aus.
Parteigenossen!  Ernster  denn  je  ist  die  Zeit  für  unser  Land  und  Volk:
ernster  denn  je  zuvor  auch  für  unsere  Partei.  Seid  Euch  alle  der  vollen
Verantwortlichkeit,  die  jetzt  auf  jedem  einzelnen  lastet,  bewußt  und  handelt
als  Sozialdemokraten,  wie  es  Ench  die  Pflicht  im  Interesse  der  Arbeiterschaft
  gebietet.

Der  „Vorwärts“  vom  22.  Jan.,  der  diesen  Aufruf  veröffentlicht.
enthält  eine  besondere  Erklärung  der  Parteivorstandsmitglieder  R.  Wengels
und  Luise  Zietz,  in  der  sie  die  Verantwortung  für  diesen  Schritt  ablehnen.

20.  Jan.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Initiativanträge.

Der  Antrag  der  Abgg.  Fritsch  (Natl.)  u.  Gen.  auf  Aufhebung
des  Disziplinarmittels  der  Arreststrafe  für  Unterbeamte  wird
in  zweiter  und  dritter  Lesung  angenommen.  —  Der  Antrag  der  Abgg.
Aronsohn  u.  Gen.  (Fortschr.  Vp.)  auf  Zulassung  von  Frauen  zu  städtischen
  Verwaltungsdeputationen  und  Stiftungsvorständen  mit
beschließender  Stimme  wird  der  verstärkten  Gemeindekommission  überwiesen,
nachdem  sich  alle  Parteien  zu  dem  Grundgedanken  zustimmend  geäußert  und
die  segensvolle  Tätigkeit  der  Frauen  während  des  Krieges  warm  anerkannt
haben.  —  Der  Antrag  Dr.  Heß  (Ztr.)  auf  Beseitigung  jeder  Bevorzugung
von  Vorschülern  gegenüber  den  Volksschülern  bei  der  Aufnahme  in
höhere  Schulen  geht  an  die  Unterrichtskommission.

21.  Jan.  Das  Kriegsamt  veröffentlicht  Richtlinien  betr.  den
Arbeitswechsel  in  kriegswirtschaftlichen  Betrieben.

21.  Jan.  (Berlin.)  Der  Geschäftsführende  Ausschuß  des  Alldeutschen
  Verbandes,  durch  besonders  zugezogene  bewährte  Gefinnungsgenossen
  erweitert,  beschließt  folgende  Kundgebung:

1.  Der  G.  NA.  d.  A.  V.  weiß  sich  mit  dem  gesamten  deutschen  Volke
einig  in  dem  bedingungslosen  Vertrauen  zu  der  obersten  Heeresleitung,
deren  militärische  Leistungen  er  mit  dankbarer  Bewunderung  begleitet.  Im
Gegensatz  hierzu  muß  der  G.  A.  bekennen,  daß  er  der  politischen  Leitung
des  Reiches  nicht  nur  kein  Vertrauen  entgegenbringen  kann,  sondern
überzeugt  ist,  daß  das  Vaterland  mit  seinen  wesentlichen  Einrichtungen  unheilbar
  schwer  geschädigt  werden  muß,  wenn  die  Reichsgeschäfte  ihren  jetzigen
Leitern  überlassen  bleiben.  Die  fortgesetzten  Fehlgriffe  und  Mißerfolge  der
deutschen  ausw.  Politik  vor  dem  Kriege,  das  Verhalten  der  verantwortlichen
Reichsleiter  bei  Ausbruch  des  Krieges  und  ihre  Gesamtpolitik  während  des
Daseinskampfes  des  deutschen  Volkes  —  all  diese  der  Geschichte  angehörenden
Tatsachen  führen  uns  zu  der  Erkenntnis,  daß  ungeachtet  aller  Opfer  an
Blut  und  Gut,  und  allen  militärischen  Erfolgen  zum  Trotz,  der  Krieg  für
unser  Volk  politisch  verloren  gehen  muß,  wenn  die  für  die  bisherige  Politik
Verantwortlichen  länger  im  Amte  belassen  werden.  Wer  die  Verfassungs-Aenderung
  in  Elsaß-Lothringen,  wer  die  unselige  Marokko-Politik  mit  ihrer
Ermutigung  des  franz.  Rache-Gedankens  politisch  zu  verantworten  hat  —
wer  sich  über  die  Absichten  der  engl.  Politik  vollkommen  täuschen  und  in
Verständigungs-Verhandlungen  einlassen  konnte,  die  zu  einer  Beeinträchtigung
  unserer  Seestreitkräfte  führten  —  wer  bei  Kriegsausbruch  das  verhängnisvolle,
  unbegreiflich  verkehrte  Eingeständnis  deutscher  Schuld  beim
Einmarsch  in  Belgien  abgab  —  wer  während  des  Kriegs  dessen  Führung
auf  entscheidend  wichtigen  Gebieten  durch  politische  Rücksichten,  die  sich  als
unzutreffend  erwiesen  haben,  hemmend  beeinflußte  und  noch  jetzt  beeinflußt,