Mai 1909. 361
Liebe, das feste Vertrauen der staatstreuen Bürger. Diese dankbare, vertrauende
Gesinnung zu Euerer Durchlaucht hat feste Wurzeln in den Herzen der deutschen Ostmärker
geschlagen. Wir, die wir den Dingen nahe stehen, blicken mit der Hoffnung
des Gelingens auf den Ausgang unserer engeren politischen Verhältnisse, wir vertrauen
auf eine gesunde Lösung des politischen Problems, das der deutsche Osten birgt.
Freilich ist eine solche Lösung, ein allmähliches Erstarken des Deutschtums in letzter
Linie abhängig von der Kraft und Geschlossenheit, mit der das weitere deutsche Vaterland
nach innen und außen gerüstet dasteht. Wollen Euere Durchlaucht uns gestatten,
in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, daß die Deutschen im Osten gegenwärtig
von schwerer Sorge um das Zustandekommen der Reichsfinanzreform erfüllt sind, der
wichtigsten ökonomischen Frage, vor die das Reich seit seinem Bestehen gestellt worden
ist. Wir alle fühlen, daß mit der Frage der Mitteldeckung die Macht und das Ansehen
des Reiches selbst auf dem Spiele stehen, und besorgen, daß bei einem Mißlingen der
Reform und der alsdann unausbleiblichen Schwächung des deutschen Prestige die
Rückwirkung auf die Stellung des Deutschtums in den Ostmarken unausbleiblich ist,
da jede derartige Einbuße von selbst eine Stärkung und Festigung der gegnerischen
Stellung bedeutet. Wir glauben daher in diesem Augenblick die Hoffnung aussprechen
zu dürfen, auch im Interesse der deutschen Ostmarken, daß es Euerer Durchlaucht mit
bewährtem hohen staatsmännischen Geschicke gelingen möge, über die zurzeit bestehenden
Gegensätze der Meinungen hinweg die Frage der Reform einer einheitlichen
Lösung zuzuführen. Es ist uns Bedürfnis, Euerer Durchlaucht dies am heutigen
Tage auszusprechen und unsere herzlichsten und wärmsten Glückwünsche zum heutigen
Tage untertäuigst anzuschließen. Mag der Allmächtige Euerer Durchlaucht ferneren
Lebensgang segnen, wic er den bisherigen sichtbar gesegnet hat“.
Fürst Bülow antwortete darauf:!)
Ich danke Ihnen, mein verehrter Herr Oberbürgermeister, für Ihre
freundlichen Worte und Ihre freundlichen Wünsche. Ich danke Ihnen,
meine Herren, für die gütige Gesinnung, die Sie zu mir geführt hat. Als
Ehrenbürger von Bromberg stehe ich Ihrer Stadt ja besonders nahe, und
deshalb haben Ihre Wünsche mich auch besonders erfreut. Die Geschichte
gerade Ihrer Vaterstadt muß jeden Deutschen zum Nachdenken anregen.
Einst, im 14. Jahrhundert, ein blühendes Gemeinwesen, sank nach dem
Untergang des Deutschen Ordens, der zugrunde ging an deutscher Uneinigkeit,
Bromberg unter fremder Herrschaft so tief, daß Friedrich der Große
bei der Besitzuahme der Stadt einen Schutthaufen vorfand. Ich entsinne
mich, gelesen zu haben, daß die Stadt damals kaum noch 600 Einwohner
zählte. Der Zauberstab, mit dem der große König aus diesem Schutthaufen
neue Ströme des Lebens hervorrief, war preußische Zucht und deutscher
Geist, die Zusammengehörigkeit mit der preußischen Monarchie und der
deutschen Kultur. — Sie haben, Herr Oberbürgermeister, meiner Tätigkeit
auf dem Gebiete der Ostmarkenpolitik gedacht. Ich freue mich
1) Nach der „Ostdeutschen Rundschau“, „Nordd. Allgem. Zeitung“ 6. Mai 1909.