Contents : Das Königreich Württemberg. Zweiter Band_1. (2)

90  Das  Volk.

sten  entwickeln.  Aber  mit  diesen  Gegensätzen  scheint  die  Dysenterie  in
besonders  nahem  ursächlichem  Zusammenhange  zu  stehen.

Seit  dem  Jahre  1854  hat  Württemberg  keine  große  und  umfassende
Epidemie  von  Ruhr  mehr  erlebt.  Es  scheint,  daß  mit  der  langsamen
Verbesserung  der  sozialen  und  hygieinischen  Verhältnisse  die  Bevölkerung
für  die  Einflüsse,  welche  die  Ruhr  bedingen,  weniger  empfänglich  geworden
ist.  Besonders  interessant  ist  in  dieser  Beziehung  die  Stadt  Stuttgart.
Während  in  der  noch  sehr  kleinen  Stadt  in  der  Epidemie  von  1811  102
Personen  starben,  hat  hier  die  Krankheit  1834  nur  eine  geringe  Steigerung
erfahren,  und  von  der  Epidemie  von  1854  ist  die  größer  gewordene  Stadt
kaum  berührt  worden.  Die  Dysenterie  ist  hier  wohl  für  immer  eine  seltene
  Krankheit  geworden.  Stuttgart  hat  die  gleiche  Lage  behalten;  aber
die  stehenden  Wasser  des  Thales  sind  ausgetrocknet  worden,  und  die  Malariaeinflüsse
  haben  aufgehört,  welche  zur  Entstehung  der  Ruhr  überall,
wo  sie  vorhanden  sind,  wesentlich  mitwirken.

In  Bezug  auf  die  Zahl  der  Erkrankungen  stehen  Brechruhr  und
Dysenterie  bedeutend  zurück  hinter  den  akuten  Krankheiten  der  Athmungsorgane,
  hinter  den  Katarrhen  und  Entzündungen  der  Lungen.  Darin
verhält  sich  Württemberg  ganz  wie  das  übrige  Deutschland.  Es  schließen
sich  aber  hier  unmittelbar  zwei  chronische  Lungenkrankheiten  an,  das
Lungenemphysem  und  die  Lungenschwindsucht.

Das  erstere,  welches  in  den  meisten  Fällen  die  anatomische  Grundlage
  des  Asthma's  bildet,  kommt  besonders  bei  unfrer  weinbauenden
Bevölkerung  als  weit  verbreitetes  Leiden  vor.  Die  krankhafte  Ausdehnung
der  Lungen  rührt  hier  gewiß  von  der  Beschäftigung  her.  Schon  die  halbausgewachsene
  männliche  Jugend  ist  genöthigt,  schwere  Lasten,  besonders
Erde,  auf  dem  Rücken  bergan  zu  tragen  und  dabei  den  Brustkorb  und
die  Lungen,  ehe  sie  ihre  feste  Ausbildung  erreicht  haben,  durch  tiefe  Einathmungen
  übermäßig  und  anhaltend  auszudehnen.  Auch  in  den  Hochgebirgen
  der  Schweiz  gehören  nach  Lombard  Lungenemphysem  und
Asthma  zu  den  gewöhnlichsten  Krankheiten  der  Athmungsorgane.

Ueber  das  Auftreten  der  Lungenschwindsucht  besitzen  wir  in
Württemberg  nur  sehr  wenige  sichere  Angaben.  Es  fehlen  bis  jetzt  alle
solche  Erhebungen,  wie  sie  in  der  Schweiz  wiederholt  und  besonders  von
der  schweizerischen  naturforschenden  Gesellschaft  unter  der  Redaktion  von
E.  Müller  angestellt  worden  sind.  Die  Lungenschwindsucht  findet  sich
überall  in  der  Schweiz;  aber  mit  zunehmender  Höhe  ist  eine  Abnahme
ihrer  Häufigkeit  sicher  nachweisbar;  im  Durchschnitt  haben  die  niedersten
Lagen  doppelt  so  viele  Fälle  als  die  höchsten.  Corval  hat  auch  für
Baden  gezeigt,  daß  mit  zunehmender  Höhe  die  Erkrankungen  und  Todesfälle
  an  Schwindsucht  abnehmen.  Neben  den  Höheverhältnissen  zeigen  in