Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zwanzigster Jahrgang. 1879. (20)

Das  deuische  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (Mai  2—9.)  149

spricht,  ebenso  ausweisen  kann,  so  soll  es  mich  freuen.  Er  hat  ferner  hesagt:
ein  Bauer  bezahle  keine  Einkommenstener.  Dieß  berührt  mich  nicht,  denn  ich
habe  die  Einkommensteuer,  weil  sie  von  Reichen  bezahlt  wird,  ausdrücklich
eibehalten  wollen,  und  nur  an  die  Abschaffung  der  Classensteuer  in  dem
Maß,  als  ein  Ersatz  durch  indirecte  Steuern  geboten  wird,  gedacht.  Ich
hoffe,  mich  darüber  auch  später,  wenn  der  Zeitpunkt  gekommen  sein  wird,
und  ich  noch  Minister  sein  sollte,  mit  meinen  preußischen  Collegen  zu  verständigen.
  Ich  bin  und  bleibe  der  Ueberzeugung,  daß  die  Classensteuer  gar
nicht  bestehen,  daß  sie  im  ganzen  Umfang  abgeschafft  werden  sollte,  und  daß
wir  uns  bemühen  sollten,  indirecte  Steuern  mit  so  hohem  Ertrage  zu  finden,
daß  wir  im  Stande  sind,  die  Classensteuer  zu  erlassen.  Der  Herr  Abgeordnete
  sagt  nun:  die  Classensteuer  betrage  nicht  3  Procent.  Das  habe  ich
auch  nicht  behauptet.  Ich  habe  von  der  Einkommensteuer  gesprochen.  Ob
sie  in  ihren  höchsten  Positionen  so  sehr  viel  darunter  ist,  weiß  ich  doch  nicht.
Ich  habe  die  Liste  nicht  im  Kopfe,  wie  viel  jemand  Classensteuer  bezahlt,
der  1000  Thaler  Einkommen  hat,  also  die  höchste  Classensteuer.  (Nufe:
24  Thaler.)  Wenn  es  24  Thaler  sind,  so  sind  24  Thaler  nach  meiner  Rechnung
  von  Taufend  2½  Procent;  das  ist  also  doch  so  sehr  weit  von  3  Proc.,
die  ich  naunte,  nicht  entfernt,  sehr  viel  weiter  aber  von  1  bis  2  Proctent,
die  der  Abg.  Lasker  anführte,  um  diese  Steuerbelastung  hinunterzudrücken
und  nachzuweisen,  daß  dieses  eine  Steuerbelastung  nicht  ist.  Auch  hier
schützen  mich  die  Ziffern  gegen  den  Vorwurf  der  Uebertreibung.  „Die  ganze
Mechmung  des  Neichskauzlers  ist  irrig  und  unzuverlässig.“  Meine  Herren,
diese  Behauptung  ist  einfach  eine  unrichtige,  eine  falsche,  die  der  Herr  Abgeordnete
  macht.  Sie  ist  nicht  irrig.  Ich  bitte,  mir  den  Irrthum  nachzuweisen.
  Und  „unzuverlässig",  ich  bedauere,  daß  das  hier  so  hingegangen  ist.
Wenn  jemand  hier  vom  Regierungstisch  einen  Abgeordneten  unzuverlässig
nennen  wollte,  ich  glaube,  es  würde  ihm  sofort  die  vielbestrittene  Frage  der
präsidialen  Disciplin  entgegentreten.  (Nufe:  oh,  ohl)  Ich  muß  dagegen  protestiren,
  d.ß  mir  der  Vorwurf  der  Unzuverlässigkeit  gemacht  wird.  Es  ist
dieß  ein  geradezu  beleidigender  Vorwurf.  Unzuverlässig,  d.  h.  man  kann
auf  seine  Angaben  kein  Gewicht  legen.  Ich  verwahre  mich  gegen  diesen
Vorwurf,  und  werde  meinerseits  dieses  Wort  nicht  als  in  den  parlamentarischen
  Sprachgebrauch  übergegangen  auschen  und  nicht  meinerseits  damit  operiren.
  Der  Reichstag  dürfke  also  nach  der  Meinung  des  Abg.  Lasker  auf
keine  Reform  eingehen,  welche  auf  so  schwacher  Basis  steht,  wie  er  es  von
meiner  Zuverlässigkeit  scheint  anzunehmen,  er  hofft,  der  Reichstag  werde  der
Führerschaft  des  Hrun.  Bismarck  nicht  folgen.  Da  ich  das  Wort  habe,  kann
ich  nicht  umhin,  es  zu  benutzen,  um  einem  Vorurtheil  zu  widersprechen,
welches  namentlich  hier  aus  dem  Mund  eines  sachlich  sonst  sehr  wohlinformirten
  und,  wie  mir  schien,  zuverlässigen  Abgeordneten,  des  Hru.  Oechelhäuser,
  zu  Tage  trat.  Die  Herren  werden  sich  erinnern  —  ich  hatte  damals
eider  auf  dem  hiesigen  Standpunkt  ihn  nicht  recht  verstehen  können,  sonst
würde  ich  ihm  gleich  die  Bemerkung  gemacht  haben,  daß  er  in  Bezug  auf
den  geschichtlichen  Theil  seines  Rückblicks  sich  im  Irrthum  befindet  —  daß
der  Herr  Abgeordnete  damit  schloß:  er  wolle  der  Fahne  von  1818  folgen;
er  sah  in  dieser  Fahne  eine  Vertretung  des  Freihandels,  eine  Vertretung
der  großen  Finanzmänner,  welche  in  der  früheren  Geschichte,  sagen  wir
Prohen  oder  des  Zollvereins,  von  hervorragendem  Namen  sind.  Der  Herr
Abgeordnete  befindet  sich  da  im  Irrthum  in  Bezug  auf  die  Jahreszahl.
Ich  kann  eine  Jahreszahl,  die  seiner  Auffassung  entspräche,  überhaupt  nicht
finden.  Die  Herren  Freihändler  müssen  sich  von  dem  Gedanken,  daß  der
Ruhm  ihrer  Vorfahren  es  verlange,  daß  wir  Freihändler  werden,  losreißen.
Das  ist  nicht  der  Fall.  Im  Jahr  1818  war  preußischer  Finanzminister  ein