Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Elfter Jahrgang. 1895. (36)

158  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  17.—21.)

größeren  süddeutschen  Block,  den  Bayern  und  Württemberg  bilden,  doch  notwendig
  gleich  mit  herein  haben  und  so  lange  abwarten,  bis  dies  der  Fall  war.

17.  Juni.  (München.)  Der  Kaiser  eröffnet  die  umgebaute
Schacksche  Bildergalerie  (vgl.  1894  S.  109).
18.  Juni.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Gesetzentwurf

zur  Errichtung  einer  Kreditanstalt  zur  Förderung  des  genossenschaftlichen

  Personalkredits.

Finanzminister  Dr.  Miquel:  Diese  Bank  soll  die  bestehenden  Genossenschaften
  ergänzen,  nicht  aber  beseitigen.  Wenn  der  Staat  hier  hilft
und  eine  Zentralanstalt  schafft,  welche  die  Ueberschüsse,  wo  solche  vorhanden
sind,  dorthin  führt,  wo  Bedarf  ist,  wird  das  Genossenschaftswesen  noch
nützlicher  wirken,  als  es  bisher  schon  der  Fall  ist.  Es  soll  der  Personalkredit
  gefördert  werden,  denn  die  wachsende  Verschuldung,  namentlich  also
auf  landwirtschaftlichem  Gebiete  rührt  wesentlich  her  von  der  mangelhaften
Organisation  des  Personalkredits.  Auch  der  gewerbliche  Mittelstand  wird
Vorteil  davon  haben.  Abg.  Pleß  (Z.),  Knebel  (nl.),  Gamp  (fk.),  Graf
Kanif  (kons.),  begrüßen  das  Gesetz  sympathisch,  das  hierauf  an  die  Budgetkommission
  verwiesen  wird.

19.  bis  21.  Juni.  (Hamburg  —Kiel.)  Einweihung  des
Nordostsee-Kanals.  Reden  des  Kaisers.

Im  Laufe  des  19.  waren  sämtliche  Bundesfürsten,  Prinzen  der  englischen,
  italienischen,  russischen,  österreichischen  und  belgischen  Königsfamilien
eingetroffen,  ebenso  die  Bundesbevollmächtigten,  die  höchsten  Staatsbeamten,
darunter  der  Reichskanzler  und  die  Minister,  die  fremden  Botschafter  und
Gesandten  und  350  Mitglieder  des  Parlaments.  Kurz  nach  vier  Uhr  langte
der  Kaiser  mit  den  vier  ältesten  Prinzen  an  (die  Kaiserin  konnte  wegen
Unpäßlichkeit  an  der  Hamburger  Feier  nicht  teilnehmen)  und  wurde  vom
Prinzen  Heinrich,  den  Vertretern  Hamburgs  und  anderen  hohen  Persönlichkeiten
  empfangen.  Am  Abend  gab  die  Stadt  Hamburg  im  neuen  Rathause
dem  Kaiser  und  seinen  Gästen  ein  Diner.  Auf  eine  Ansprache  des  Bürgermeisters
  Lehmann  erwidert  der  Kaiser:

Mein  verehrter  Bürgermeister!  Tief  ergriffen  bin  ich  von  den  soeben
vernommenen  Worten,  tief  ergriffen  vor  allem  von  dem  Empfang,  den  mir
Hamburg  soeben  bereitet  hat,  wie  ich  desgleichen  selten  einmal  erlebt.  Der

eist,  der  mir  entgegenschlug,  war  kein  gemachter,  kein  gewöhnlicher.  Gleich
einer  Windsbraut  schallte  mir  der  Jubel  der  Stadt  entgegen.  Ich  weiß
wohl,  daß  ich  mir  nicht  anmaßen  darf,  daß  dieser  Jubel  meiner  Person
gegolten.  Vielmehr  erkenne  ich  in  demselben  den  Ausfluß  des  Pulsschlages
unseres  gesamten  deutschen  Volkes,  welches  stolz  darauf  ist,  das  neu  geeinte
Deutsche  Reich  in  seinen  Fürsten  und  hohen  Gästen  vertreten  zu  sehen.
Empfangen  Sie  dafür  meinen  herzlichen  Dank  und  seien  Sie  der  Dolmetsch
meines  Dankes  auch  den  Hamburgern  gegenüber.  Solche  Momente,  wie
wir  sie  heute  erleben,  rufen  in  uns  die  Erinnerung  zurück,  und  vor  allem
die  Erinnerung  in  dankbarer  Form.  Wir  müssen  in  Dank  und  Wehmut
gedenken  des  großen  Kaisers,  der  dahingegangen,  und  seines  herrlichen
Sohnes,  unter  denen  das  Werk,  auf  das  Sie  soeben  angespielt  haben,  erstanden
  ist.  Uns  allen  ist  noch  gegenwärtig  der  Jubel  bei  dem  letzten  Besuche
  meines  hochseligen  Herrn  Großvaters.  Wir  vereinigen  zwei  Meere;
auf  das  Meer  lenken  sich  unsere  Gedanken,  das  Meer,  das  Sinnbild  der
Ewigkeit.  Meere  trennen  nicht,  Meere  verbinden;  die  verbindenden  Meere
werden  durch  dieses  neue  Glied  zum  Segen  und  Frieden  des  Volkes;